Missing Monuments Credits

Missing Monuments Installation

Zu dem Projekt




Texte von:

 
Albena Angelova

Boglárka Bálint

Christinne

Countinho-Kaiser


Marie-Louisette Douatsop

Veronika Dreier

Herbert Fuchs

Martin Gjecaj

Francisco Santiago Niño

Valentina Nistor

Samson Ogiamien

Monika Orozca Saavedra

Peter Presinger

Veada Stoff

Norbert Zsifkovits

















































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5


Vor sieben Jahren lernte ich Pawan Kohli kennen: Er interessierte sich
für einen Yoga-Lehr-Ausbildungskurs (den ich alljährlich anbiete), und es
ergab sich, dass er in den laufenden Kurs noch einsteigen konnte. Pawan, der
ja in seiner indischen Heimat schon mit Yoga in Berührung gekommen war, erwies
sich von Anfang an als gelehriger und lernbegieriger Yoga-Schüler und konnte im
Sommer 2000 die Ausbildung zum Yogalehrer mit ausgezeichnetem Erfolg abschließen.

Wollen wir uns nun der Frage zuwenden, was den lieben Pawan, der im Frühjahr
1965 in Jammu, im Norden Indiens, geboren wurde und in Delhi, der Hauptstadt
Indiens, aufwuchs, dort Betriebswirtschaft studierte, was ihn also dazu trieb,
mit 20 Jahren nach Österreich zu kommen? Eine ganz einfache und einleuchtende
Antwort hat der Sohn einer Lehrerin und eines Bankmanagers parat: Weiterbildung!
Von Kindesbeinen an begeistert für alle Formen der Musik, suchte Pawan, ebenso
wie in jungen Jahren in seiner indischen Heimat, später dann in Österreich sein
musikalisches Talent zur vollen Blüte zu bringen. In Bad Hofgastein gab es zwar
keine Jazz-Akademie, aber eine sehr bekannte Hotelfachschule, die er bis 1990
besuchte. In diesem Jahr zog Pawan nach Graz, wo er in den folgenden Jahren drei
Lokale und dazu noch ein Geschäft für indische Kunst führte.

An dieser Stelle darf ich anmerken, dass ich von Pawan sehr stark
den Eindruck habe, dass ihn die Beschäftigung mit Gastronomie allein
nicht zufrieden stellen kann, und er auf der Suche nach kultureller
und spiritueller Betätigung ist. So war es nur konsequent und logisch,
dass er die Indisch-Österreichische Gesellschaft für Kultur und Freizeit
mit Sitz in Graz gründete. Diese Gesellschaft, die als Verein geführt wird,
verfolgt das Ziel, den ÖsterreicherInnen die indische Kultur, Kunst, Musik
und Küche etwas näher zu bringen. Mit Veranstaltungen wie musikalischen
Darbietungen, Tanzvorführungen, Präsentation von Filmen und einem umfangreichen
Kursangebot (Kochen und Gewürzkunde, Astrologie, Yoga, Mantrasingen, Ayurveda,
und Sprachen wie z. B. Hindi, Deutsch und Englisch) soll dieses Ziel erreicht werden.

Wenn man mit Pawan über seine Aktivitäten und Träume
spricht, über seine Intentionen und darüber, was er bislang
erreicht hat, so kann man sich das Eindrucks nicht erwehren, dass
ihn eine fruchtbare Unzufriedenheit antreibt, dass er bei all seinem
Engagement noch viel mehr machen möchte, weil er spürt, wie viel noch
getan werden kann und muss, um wirklich und tatsächlich den Anspruch der
Kulturvermittlung zu erfüllen, obwohl seine Aktivitäten allgemein sehr
geschätzt werden - immerhin ist die Indisch-Österreichische Gesellschaft
als eingetragener Verein der einzige in Österreich. Und obwohl Pawan als
Botschafter indischer Kultur unbestritten schon sehr viel erreicht hat, meint
er, dass dies alles noch nicht genug ist.  

Diese Unzufriedenheit mit dem jeweils Erreichten lässt sich nur so
erklären, dass Pawan immer nach Weiterbildung strebt. Und es braucht
auch engagierte Menschen, wenn in der Kulturarbeit etwas weiter gehen
soll. Derzeit aktuell ist die Einrichtung der Bibliothek, eine Arbeit,
die von einer Person mit großem Idealismus vorangetrieben wird,
die gleichzeitig Hotelkaufmann, Musiker, Vereinsobmann, Generalsekretär
des Grazer Cricket Clubs, und Dolmetscher ist. Einen großen Raum nimmt
seine Arbeit als Kulturvermittler in einem ganz besonderen Feld ein:
Pawan ist stets bereit, Neuankömmlingen und Touristen aus Indien zu helfen,
sich in Graz besser zurecht zu finden. Er gibt aber auch gerne Tipps für
Indienreisende.

Beinahe unglaublich, dass Pawan bei all dem, was er tut, noch Zeit
findet, seine Rolle als Gatte seiner Frau Smriti und Vater seiner
sechsjährigen Tochter Agni wahrzunehmen. Von beiden sind jedenfalls
keine Klagen zu hören: Beiden geht es gut. Also dann, lieber Pawan,
mach' so weiter!

Ein Text von Herbert Fuchs, Indisch-Österreichische Gesellschaft
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Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21





6



Ich bin seit fast sechs Jahren in Österreich, bin 35 Jahre alt und
habe drei Kinder. In Bolivien habe ich meinen Mann vor mehr als sechs
Jahren kennen gelernt. Nach 14  Monaten war ich mit meinem Mann
verheiratet. Seitdem bin ich in Österreich. Mein Mann ist
Pensionist. Er war als Tourist in Bolivien.

In den ersten zwei Jahren hatte ich großes Heimweh. Ich hatte
ziemliche Depressionen und war traurig. Ich wollte wieder zurück
nach Hause. Damals hatte ich wirklich eine schwere Zeit. Sogar
heute nach sechs Jahren spreche ich deutsch noch nicht fließend.
Mir ist es nicht möglich ein bisschen komplexer zu sprechen. Ich
kann nur sehr einfache Dinge sagen. Ich verstehe auch nur sehr wenig.
Zu wenig, um guten Kontakt zu anderen Leuten zu haben. Und das ist
mein großes Problem. Ich kann fast keine sozialen Kontakte pflegen.
Ich bin isoliert. Es ist extrem schwer für mich, hier zu leben.

Meine ganze große Familie ist in Bolivien. Ich, mein Mann und die
Kinder sind hier. Ich finde es schwierig, vom Rest meiner Familie
getrennt zu sein. Ich vermisse sie. Ich habe einige Freunde hier.
Einige sind aus Bolivien, aber die meisten sind ÖsterreicherInnen.

Momentan arbeite ich nicht, da ich im Mutterschutz bin. Ich habe
ein Neugeborenes. Bevor das Kind geboren war, arbeitete ich in
einem Studentenheim. Ich putze und kümmere mich, dass alles dort
in Ordnung geht. In Bolivien arbeitete ich als Sekretärin in einem
Spital und dann in einem Schuhgeschäft. Danach arbeitete ich in
einem Blumengeschäft. Mein letzter Job dort war, eine ältere Person
zu betreuen. Ich würde sagen, dass meine Arbeitssituation in Bolivien
besser war. Mein Arbeitsplatz war sehr gut in Bolivien. Aber ich bin
auch hier zufrieden, obwohl es hier immer sehr viel Arbeit gibt,
viel Geschirr zu spülen.

Für mich wäre es besser in Bolivien zu wohnen, aber nicht
für meinen Mann. Er würde sich dort nicht wohl fühlen. Das Leben ist
so unterschiedlich von dem hier. Mein Mann kommt sehr gerne auf Besuch
nach Bolivien, aber er würde nie dort leben. Es würde ihm nicht gut tun.

Mein Land ist sehr weit weg von hier. Fünfundzwanzig Stunden mit
dem Flugzeug. Wie auch immer, wir gehen jedes Jahr dorthin auf Besuch.
Es ist sehr teuer, dorthin zu fliegen. Es kostet im Sommer 1500 Euro
pro Person. Die Kinder zahlen auch. Für den fünfjährigen ist es 900 Euro
und der fast fünfzehnjährige muss ganze 1500 Euro zahlen.

Mein fast fünfzehnjähriger Sohn Jhonatan spricht sehr gut deutsch.
Das Baby ist jetzt zehn Wochen alt, ein Mädchen, Gloria Lucia. Sie wurde
am 14. Mai 2007 geboren mit 3 Kilo 200 Gramm. Das fünfjährige Kind ist
ein Bub, heißt Luis Antonio.

Wenn ich auf diese fünf vergangen Jahre in Österreich zurückblicke,
gibt es gute und schlechte Dinge. Nicht gut ist meine Sprache. Ich
spreche nur ein bisschen. Sehr wenig Kontakt zu Leuten habe ich.
Das ist mein Problem.

Die Leute in Österreich? Meine Freunde waren immer sehr gut zu mir,
und die anderen Leute – unterschiedlich, würde ich sagen. Manchmal sehr
freundlich, manchmal gar nicht, manchmal rassistisch. Nicht sehr. Ich habe
sehr wenig Rassismus erlebt und das nur von Lateinamerikanern, die hier leben.

Was ich sehr gerne hier mag, wo wir leben, ist die Natur, unser Kontakt mit der
Natur. Hügel, Schönheit. Mir haben Städte nie gefallen, oder große Städte, aber
das Leben außerhalb der Stadt gefällt mir sehr. Ich mag unser Heim.

Nach einem Interview mit Monika Orozco Saavedra
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Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21





7



Ich bin 1967 in Mexico-City geboren. Mit 29 Jahren, bin ich nach
Österreich gekommen. Die Liebe hat mich nach Graz geführt.

Meine Frau hat gemeint sie bleibt bei mir weil ich kochen kann.
Wir machen alles im Haushalt halbe-halbe. Das habe ich von meiner Mutter
gelernt. Sie hat mich so erzogen. Auch mein Vater hat es so gemacht, hat
immer geholfen.

Nachdem ich schon drei Jahre mit meiner - damals noch - Freundin in
Cancun gelebt habe, habe ich meine Bar und meine Diskothek dort
verkauft. Mit diesem Geld habe  ich am Anfang hier gelebt. Am Anfang
habe ich gemalt und drei Ausstellungen gehabt. Ich liebe auch den Tanz
und hatte noch in Mexico eine Ausbildung zum Choreografen gemacht. Da
hat mich das Lateinamerika-Institut gefragt, ob ich Tanzstunden geben
möchte. So hat alles begonnen, und dadurch bin ich in Graz bekannter
geworden. Dann gewann ich 2002 in Italien, in Rimini, einen Wettbewerb
mit Daniela Kummer. Seitdem habe ich noch mehr Aufträge bekommen und bin
alle zwei, drei Monate in Deutschland oder in der Schweiz oder in Italien
oder in Polen und unterrichte auch dort bei Salsa-Kongressen.

Meine erste Unterrichtsstunde beginnt um 10 Uhr in der Früh und
ich höre um 22 Uhr auf. Von Montag bis Montag. Ich habe auch eine
eigene Tanzgruppe, die "Rhythmus Latinos", und wir treten quer durch
Österreich auf. Die Salsa-Szene, oder auch die Latino-Szene in Graz
ist sehr groß. Viele Geschäfte und Lokale veranstalten einmal pro Woche
einen Salsa-Abend. Viele Salsa-Trainer treffen sich dort und wir machen
einfach unsere Arbeit. Jeder macht halt selber Werbung für seine eigenen Schulen.

Es gibt viele Latino-Künstler hier in Graz wie Carlos Escobar Pukara aus Peru
mit seiner bekannten Gruppe oder Ismail Barrios. Wir haben auch mehrmals zusammen
gearbeitet. Jedes Mal, wenn wir uns treffen, ist das eine gute Möglichkeit, etwas
zusammen zu machen und nicht nur ein Land, sondern ganz Lateinamerika zu
präsentieren und zu zeigen, dass die Latinos hier glücklich sind.

Ich habe noch die mexikanische Staatsbürgerschaft. Man hat
natürlich mehr Sicherheit mit der österreichischen Staatsbürgerschaft,
aber ich zahle alle Steuern und ich bin mein eigener Unternehmer.

Manchmal träume ich halb in mexikanisch und halb in deutsch,
manchmal sind die Orte in Mexiko aber die Sprache ist deutsch.
Und manchmal träume ich von dem Haus, wo ich vor fünfundzwanzig
Jahren gelebt habe, aber die haben dort deutsch gesprochen. Ich
fühle mich jedoch ganz als Mexikaner, auch wenn ich kein reiner
Mexikaner bin. Meine Großeltern sind aus Sizilien nach Mexiko
geflüchtet und haben dann ihr ganzes Leben dort verbracht.
Heimweh habe ich nicht. Als ich fünfzehn war bin ich von zuhause
weggegangen. Ich fühle mich nicht an einen Ort gebunden.

Wegen meiner Arbeit kann ich mir keine Kinder erlauben. Zum einen bin
ich alle zwei Monate in einem anderen Land und meine Frau ist auch
meine Tanzpartnerin. Wenn wir Kinder hätten, dann müsste eine/r zu Hause bleiben.

Von Mexiko herzukommen ist nicht so billig. Für Leute, die keine
Ausbildung haben oder arm sind, ist es billiger in die USA zu gehen.
Die Leute die nach Europa kommen haben ein anderes Niveau. Wenn man aber
nur 700 oder 800 $ hat, geht man eher in die USA und arbeitet auf den Plantagen
oder so. Hier ist es ganz anders.

Ich bin Christ, katholisch getauft, aber das hat nur teilweise
Wichtigkeit für mich. Etwas anderes ist für mich sehr wichtig
geworden. Ich hatte einen lebensbedrohlichen Unfall und war acht
Monate im Krankenhaus. Danach musste ich nochmals gehen lernen. Nach
dem Unfall habe ich eine Schamanin getroffen, die mich in die Kunst des
Schamanismus eingeführt hat. Sie hat mir den ganzen Glauben näher gebracht.
Die Mayas leben einfach so, respektieren die Natur, und versuchen nicht böse
zu den anderen zu sein, um nicht Böses zurück zu bekommen. Du bist dann auf
der Ebene, wo du im Einklang mit der Natur und mit dir selber und mit den
anderen Menschen bist. Seitdem ich sozusagen das Licht im Tunnel gesehen habe,
fühle ich mich manchmal glücklich, auch wenn ich nicht weiß warum.

Meine Familie hat nicht viel Geld. Das heißt sie können kein
Ticket bezahlen. Wenn möglich, bin ich einmal im Jahr in Mexiko.
Im September kommt meine Mutter, weil sie noch einmal sehen möchte
wie ihr Sohn lebt. Ich habe noch zwei Brüder. Beide unterstützen, wie
auch ich, meine Mutter mit Geld. Wir haben für meine Mutter das Haus gekauft,
sodass sie, wenn sie in ein Pflegeheim muss, durch das Haus ein bisschen Geld
dafür hat. In Lateinamerika halten die Familien sehr stark zusammen. Meine Frau,
mit der ich jetzt seit acht Jahren verheiratet bin, versteht das nicht so
wirklich. In Österreich zahlen eher die Eltern für ihre Kinder, unterstützen sie.

Von Mexico-City, von einer 33-Millionen-Stadt in eine kleine Stadt wie
Graz zu wechseln ist wie ins Paradies zu kommen. Man hat im Bus oder in
der Straßenbahn Platz, niemand schubst dich. Nicht so in Mexico-City, wo
man mit hundert Menschen um einen Platz kämpfen muss. Graz ist eine kleine
Stadt, hat aber alles was man braucht.

Mein Bild, das ich von Europa hatte bevor ich gekommen bin, war, dass
es immer Schnee gibt, denn ich habe viele Filme über Europa gesehen.
Von England habe ich immer Nebel und Regen in den Dokumentationen gesehen.
Und als ich ankam war es Mai und sonnig und heiß. Hier ist alles gemütlich –
das Einzige auf was man achten muss: Man muss hier pünktlich sein.

Bis jetzt war noch nie jemand unfreundlich zu mir. Manchmal sind die
Leute mit dem falschen Fuß aufgestanden und wenn sie dann auf die
Straße gehen sind sie zu dem Ersten, dem sie begegnen,unfreundlich.
Aber ich habe wirklich nicht das Gefühl, dass ich nicht willkommen bin
in Österreich. Ich bin noch nie von der Polizei kontrolliert worden.
Und obwohl ich wie ein typischer Latino ausschaue habe ich noch nie
eine rassistische Konfrontation gehabt.

Mein Wunsch, den ich seit langem habe: Ich möchte die Kultur
meines Landes vermitteln. Wir haben ein Land mit vielen Kulturen:
der Mayas, Azteken, Olmeken… Kulturen, die der Kapitalismus
unterdrückt hat. Leider ist es für manche Mexikaner eine Beleidigung
zu sagen „Du bist ein/e Indigen/a“. Allerdings, wenn mir das vor zwanzig
Jahren jemand gesagt hätte, wäre ich auch böse gewesen. Aber jetzt fühle
ich mich stolz, weil es zeigt, dass ich aus einem mit einer großen Geschichte
Land komme. Mit der Musik zeige ich den Leuten wie sie sich bewegen müssen.
Ich versuche ihnen zu erzählen, dass hinter dieser Musik, hinter diesen Bewegungen
eine Kultur, eine politische Kultur, ein kultureller Aspekt steht, verbunden mit
vielen Ländern: mit Kuba, Porto Rico, Mexiko, Kolumbien. Ich möchte immer etwas von
meinem Land weiter geben, von meinem Land erzählen.

Nach einem Interview mit Francisco Santiago Niño transkribiert
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Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21





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Dies ist die Geschichte einer Frau, die ich gut kenne. Ihr Name ist
Grace. Sie ist ein Zwilling und ihre Schwester und ihre Mutter sind
aus einem königlichen Haus – beide sind Krankenschwestern. Die Mutter von
Grace zog ihre Kinder auf ohne die tägliche Gegenwart des Vaters. Ihn sah
Grace nur gelegentlich und entwickelte allmählich einen Hass auf afrikanische
Männer, die mehr als eine Ehefrau hatten. Später wollte sie dann ihren wohlhabenden
Ehemann auch nicht mit anderen Frauen teilen. Also ließ sie sich nach der Geburt
ihres Sohnes David scheiden. In ihrer Familie hat es immer Hauspersonal gegeben –
arme Afrikanerinnen aus der Nachbarschaft. So war es für Grace nie notwendig,
irgendwelche Hausarbeiten oder sonstige manuelle Tätigkeiten zu machen. Sie
wurde Chemielehrerin.

Ihr Leben änderte sich mit ihrer Reise nach Deutschland. Als ihr
Sohn David drei Jahre alt war musste sie sich einer Augenoperation
unterziehen, die sie in Deutschland durchführen ließ. Dort traf Grace
Frauen aus ihrer Heimatstadt, die ihre Sprache sprachen. Es war eine Sprache,
die man im Hause ihrer Mutter eigentlich nicht verwendete, sondern eher
in der Öffentlichkeit.

Nachdem sie nun in Deutschland war und auch beeinflusst von den
Afrikanerinnen, die sie dort traf, entschloss sie sich als Flüchtling
zu bleiben, was allerdings aus rechtlichen Gründen bald unmöglich wurde.
Ihre in Wien lebenden Brüder arrangierten eine Heirat mit einem Österreicher.
So kam sie nach Graz auf der Suche hier ihr Glück zu machen – um in einer
Fabrik oder vielleicht als anmutige Frau in einem Restaurant oder Büro zu
arbeiten.

Zehn Jahre ist Grace in Europa als Arbeiterin tätig in Jobs, die
sie in ihrem Heimatland nie angenommen hätte. Sie verließ einen dreijährigen
Sohn und betet täglich, dass sie endlich die österreichische Staatsbürgerschaft
bekommen möge, um den inzwischen Dreizehnjährigen nach Graz bringen zu können
und ihm eine österreichische Erziehung zu ermöglichen.  

Viele Buben und Mädchen, auch solche die hier geboren sind, leben
mit ihren Eltern wie auf einer Brücke zwischen Österreich und Afrika:
physisch in Graz aber mental und emotional  in der Stadt oder dem Dorf
im weit entfernten Afrika. Sie hören die langen Telefongespräche mit den
Familien dort, die sich Geld aus Europa erhoffen und sie schauen Satelliten-TV
und hören CDs, wo sie Vertrautes sehen und vernehmen können.  

Grace hatte zunächst die Idee einen Beruf in der Kinderpflege zu
erlernen, entschied sich dann aber dagegen. Grace brach weiters einen
Kurs in Altenpflege in einem Altersheim ab, weil sie Schmerzen im
Rücken und den Beinen hat. Sie arbeitet noch immer in einer Fabrik
und betet für den Erhalt der Staatsbürgerschaft. Über österreichische Geschichte,
Kultur oder Politik weiß sie wenig. Ihr Ziel ist es, ihren Sohn nach Graz zu
bringen, denn sie möchte, dass er eine europäische Erziehung und einen
europäischen Lebensstil lernt. Obwohl sie selbst wenig über diesen für sie
neuen Lebensstil weiß, möchte sie, dass ihr Sohn diesen Vorteil bekommt.

Zwar weiß Grace, dass viele ihrer Verwandten und Freunde nun in
London leben seit sie die österreichische Staatsbürgerschaft haben.
Doch möchte sie selbst nicht nach London ziehen nachdem sie hörte, dass London
sehr teuer und schmutzig sei. Die Afrikaner scheinen dort in Slumgebieten
zu leben und ihre Jobs sind auch nur manuell. Grace hat gehört, dass das Englisch
welches sie spricht, nicht das britische Englisch sei. Also wäre es wegen ihres
afrikanischen Englisch nicht möglich, einen besser bezahlten Job in London zu
bekommen und auch nicht in Graz, weil ihr auch ein perfektes Deutsch fehlt.

Grace liebt es, im Fernsehen afrikanische Filme anzuschauen. Sie hat
Kabel-TV und sieht Nachrichten und Shows aus ihrem Heimatland. Sie
liest Romane in englisch und interessiert sich für deutsche Frauenmagazine.
Sie kocht gern zu Hause da sie die österreichische Küche nicht so sehr mag. 
Sie isst keine Meerestiere und kein zartes Fleisch, weil sie gewöhnt ist,
dass Fleisch gekocht und gebraten werden muss bis zu dem Punkt wo man es
nur nach langem Kauen schlucken kann. Sie glaubt, langes Kauen macht die
Zähne stark. Gern bleibt sie abends lang auf um fernzusehen und wenn sie
einen freien Tag hat genießt sie es morgens lang zu schlafen. Es freut
sie, mit anderen Frauen in ihrer Muttersprache „edo“ reden zu können.
Sie unterhalten sich dann über Kochen, Kindererziehung, nicht aber über
persönliche Dinge, weil sie Angst haben vor schlechten Nachreden. Wann
immer etwas Negatives passiert überschwemmen diese Nachrichten die
afrikanische Gemeinschaft.

Grace ist sich bewusst, das Mädchen automatisch unter den Knaben
stehen  und dass dagegen nichts getan werden kann. Wenn in Afrika
die Eltern nicht alle ihre Kinder am Schulunterricht  teilnehmen
lassen können, weil das Geld für Unterricht, Uniformen, Bücher etc.
fehlt, dann werden nur die Buben zur Schule geschickt. Mädchen brauchen
keine Schule, weil sie sowieso heiraten und Kinder haben werden. Die Anführer
sind ja immer Männer. Jede Frau hat ein Kind zur Welt zu bringen, um als Frau
angesehen zu werden, und für die Familie des Ehemanns ist es besser einen Knaben zu
bekommen. Mädchen sind einfach nicht wichtig. Grace hat erfahren, dass ÖsterreicherInnen
ein anderes Leben führen. Sie ist aber nicht sicher, welcher Lebensstil für sie
selbst besser ist.

In einem Deutschkurs, an dem Grace teilnahm, hat sie gelernt, dass eine
Lebensplanung ein Tagebuch bzw. einen Kalender und Ziele einschließt und
zwar täglich, wöchentlich, monatlich, was zum Erfolg einer Jahresplanung
führen kann. In ihrer Heimat war so etwas nicht üblich, nicht einmal eine
Planung für das nächste Jahr oder gar für den nächsten Monat. Man wartet
einfach was passiert. Wenn etwas Gutes geschieht, dann wird es als gut
genommen und wenn es etwas Schlimmes ist, dann ist es Schicksal –
gut oder böse.  

Grace betet für positive Ergebnisse und bittet, von Schlimmem und
Negativem verschont zu bleiben. Ihren Erfolg für die Zukunft sieht
sie nur in einem Erfolg ihres Sohnes. Sie weiß, dass in der Zukunft
ihr Leben abhängen wird von diesem Sohn, der für sie sorgen sollte
wenn sie selbst dafür zu alt ist. Grace sagt, sie kenne nur die
Verantwortung für ihr Leben. Hobbys oder Ähnliches kennt sie nicht.
Vergnügen findet sie im Essen, im Tanzen, in Gesprächen mit Menschen
und darin, Filme zu sehen. Grace lebt ein Leben von einem Tag zum anderen –
und macht sich Sorgen. Ja, sie sorgt sich wie sie genügend Geld verdienen
kann für sich, ihre Bedürfnisse und Rechnungen, und gleichzeitig
für die Familie zu Hause und ihren Sohn. Manchmal sorgt sie sich
um ihre Zukunft. Sie betet täglich um ihre Staatsbürgerschaft. Die meisten
ihrer Sorgen drehen sich ums Finanzielle. Abgesehen davon ist Grace glücklich.
Vielleicht weiß Grace nicht wirklich was Glück bedeutet. Aber sie sagt,
sie sei glücklich.

Ein Text von Vaeda Stoff, Liste Interkulturelle Frauen
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9


Es ist mir eine große Ehre, Ihre Aufmerksamkeit auf eine junge Frau
zu lenken, um an sie zu erinnern und sie zu ehren, die eine von uns war,
ein Mitglied der Afrikanischen Gesellschaft in Graz.

Sophie F. wurde im Jahr 1977 in Nigeria in der Stadt Benin geboren.

Sie war ein gutes Kind und eine Freude für ihre Eltern.
Sie war gut aussehend und sehr freundlich und sympathisch.

Sophie kam nach Österreich, um ein besseres Leben haben zu können.

Hier in Graz heiratete sie ihren Freund, einen gut aussehenden, jungen
Afrikaner. Mit ihm war sie glücklich. Beide arbeiteten schwer, hatten viele
Pläne und wünschten sich ein Kind.

Sophie fand einen Job in einer der Lederfabriken in Gleisdorf, wo auch
ihr Mann arbeitete. Sie war gewissenhaft und arbeitete hart und klagte nie.
Sie glaubte fest an ein gutes Leben in der Zukunft. Sie hatte Hoffnung.

Ich sah Sophie das erste und letzte Mal bei einem Gottesdienst im
‚House of Prayer Mission’ in Graz. Sie war eine sehr elegante junge Dame.
Ganz dunkel. Braune Augen. Aus einer guten christlichen Familie.
Sie war 29 Jahre alt.

Am nächsten Tag war ich abends zu Hause und gegen 20 Uhr klingelte
mein Telefon. Was ich da hörte erschütterte mich so, dass ich einige
Tage an gar nichts anderes mehr denken konnte: ein Freund berichtete
mir, dass die Frau, die ich gestern in unserer Kirche getroffen hatte,
an ihrem Arbeitsplatz durch eine Gasexplosion getötet worden sei.

Sophies Tod war ein sehr schmerzvoller Tod.

Ich werde diese liebenswürdige junge Frau nie vergessen
und nie sollten wir vergessen, was ihr passierte.

Ein Text von Samson Ogiamien
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10



Ich bin in einer bosnischen Kleinstadt geboren, die jetzt zum
serbischen Gebiet Bosniens gehört. Meine Kindheit war eine glückliche.
Es gibt keine Besonderheiten, die mir jetzt einfallen. Wir waren einfach
glücklich. Sehr glücklich. Und so blieb es bis ich 15 war. Da sind wir kurz
vor Kriegsbeginn nach Österreich gekommen - meine Eltern, meine Geschwister
und ich. Meine Eltern sagen, dass sie sich nicht mehr sicher fühlten und dass
sie einfach große Angst vor der Zukunft und für uns Kinder hatten. Wir sind
Muslime und haben in einer Region gelebt, die großteils von Serben bewohnt ist.

Unser erster österreichischer Wohnsitz war ein kleiner Ort in der
Steiermark, wo wir Kinder die Schule besuchten. Die Mutter war zu
Hause, aber auch der Vater hat ewig lang einen Job gesucht. Wir waren
nicht als Flüchtlinge gemeldet, da der Krieg erst ein halbes Jahr
später begonnen hat. Endlich bekam der Vater einen Job etwa 50 km
entfernt. Zuerst ist er  gependelt, aber dann sind wir nach ein
paar Monaten alle dorthin gezogen, wo ich einige Jahre später auch
meine Matura machte. Danach bin ich wegen dem Studium nach Graz
umgezogen. Das war das erste Mal, dass ich für ein ganzes Jahr
alleine wohnte.  Ein Jahr später sind auch meine Eltern nach
Graz gezogen, weil sie nicht wollten, dass ich alleine bin,
denn bei uns ist  der Zusammenhalt der Familie sehr wichtig. So hat
mein Vater noch einmal  lange einen Job gesucht, aber am Ende hat es
doch geklappt.

Wie viele andere junge Menschen mit Migrationshintergrund, und viele
aus dem ehemaligen Jugoslawien, habe ich ein Studium in Sprachwissenschaft
abgeschlossen. Ich bin Dolmetscherin und arbeite als solche. Mein Job
bereitet mir immer große Freude. Ich habe viel zu tun mit Kroatien und
Bosnien und fahre oft dorthin aus geschäftlichen Gründen. Meine Biografie
ist nicht ungewöhnlich, eher typisch für die damalige Zeit.

Wegen des Krieges sind viele aus Bosnien in verschiedene Länder
geflüchtet. Überall in der Welt kann man Leute aus Bosnien
treffen. Wir haben viele Freunde und Familie in Kanada, in
skandinavischen Ländern, in den USA, und auch in Österreich.
Aus dem Kreis meiner Familie haben die Kinder meiner Generation alle
studiert. Das unterschied sich sehr vom bosnischen Gastarbeiter-Milieu,
wo es wichtiger war schnell Geld zu verdienen, um ein Haus in Bosnien
zu bauen und dorthin zurück zu kehren, als eine Ausbildung zu machen.

Aus meiner Generation wollen wir nicht zurück, weil wir dort
eigentlich keine Heimat mehr haben.  Ich würde sagen, im
Migranten-Milieu ist es vielleicht nicht so häufig, dass die
Kinder studieren, aber die meisten Kinder von Freunden meiner Eltern
haben studiert. Obwohl unsere Eltern  sich sehr bemühten, uns Kinder
auf den richtigen Weg zu bringen, konnten sie uns nicht viel finanzielle
Hilfe geben. Während des ganzen Studiums habe ich gearbeitet, wie auch mein
Bruder und meine Schwester. So konnten wir studieren und uns alles leisten.

Mein Bruder hat sein Studium beendet und arbeitet jetzt bei einer der
besten Firmen, die es in Österreich in seinem Fach gibt. Meine Eltern sind
sehr stolz auf ihn. Meine jüngere Schwester wird auch ihr Studium bald beenden.

Es war so, dass sich an der Uni eine Gruppierung von Studenten aus
Ex-Jugoslawien gebildet hat, und dann gab es innerhalb dieser Gruppe
weitere Gruppierungen: Kroaten, Serben, und Muslime. Ich kenne viele
Leute von der Uni und hatte immer Freunde, nicht wegen ihrer Herkunft,
sondern weil sie mir als Menschen gut gefallen.  

Für mich persönlich, aber auch für meine Generation,  die als Kinder oder
Jugendliche nach Österreich gekommen sind, ist Integration kein Thema.
Ich bin voll integriert, ich bin auch besser in Deutsch als in Serbokroatisch.
Aber für meine Eltern, und deren Generation war es nicht leicht. Es gab zuerst
einmal Sprachprobleme. Die Kenntnisse der deutschen Sprache haben gefehlt, und
so kann man sich keinen besseren Job besorgen - man muss akzeptieren was man
bekommen kann. Für meine Mutter war es ziemlich schwer. Trotzdem, mit den Jahren
hat sie immer größeres Selbstvertrauen in der Sprache bekommen. So spricht sie
jetzt flüssig deutsch, nicht perfekt, mit vielen Fehlern, aber sie traut
sich zu sprechen und das ist schon viel und freut mich sehr. Für
eine Frau ohne Sprachkenntnisse, gab es noch weniger Jobauswahl
als für die Männer. Obwohl meine Mutter eine Berufsausbildung hatte,
konnte sie hier nur als Reinigungskraft arbeiten. In diesem Bereich
arbeiten viele Frauen dieser Generation, die mit Mitte dreißig oder
vierzig nach Österreich kamen und meistens sind es Frauen aus Ex-Jugoslawien.

Zurück nach Bosnien? Wir können nicht in unsere Kleinstad nach Bosnien
zurück, denn diese Stadt zählt zum serbischen Teil Bosniens und für Muslime
ist es dort schwer zu überleben. Meistens gibt es keine Jobs für sie. Meine
Mutter war 35, und mein Vater 39 als wir nach Österreich kamen. Jetzt,
in ihren 50ern, können sie nicht noch einmal von Null anfangen, und für uns,
die Kinder, kommt das Zurückziehen überhaupt nicht in Frage. Nach dem Krieg war
ich mit meinen Eltern und Brüdern in unserer bosnischen Heimatstadt auf Besuch
und wir haben uns als Muslime dort nicht wohl gefühlt. In Sarajevo fühlt man sich
als Muslim sicher, denn da leben viele Muslime, aber Sarajevo ist nicht unsere
Heimatstadt.

Identität? Keine Ahnung. Ich bin irgendwie Europäerin.
Obwohl, je älter ich bin, desto mehr fühle ich auch einen
Unterschied zwischen mir und den Österreichern. Ich war immer sehr
stark mit meiner Familie verbunden. Das ist der Punkt, wo ich den
meisten Unterschied sehe. Jetzt sehe ich, dass es nicht nur in meiner
Familie so ist, sondern dass die ganze Nation, die Leute aus Bosnien,
sehr starke Familienbindungen haben.  Die Österreicher sind nicht so stark
mit der Familie verbunden. Wir telefonieren alle mit unseren Eltern viel
mehr als nur einmal in der Woche, vielleicht einmal pro Tag oder auch öfter,
und meistens leben die Familien auch alle zusammen. Das ist der Punkt wo ich
Bosnierin bin. Aber ich könnte mir nie vorstellen, in Bosnien zu leben.

Wenn man mich fragt, was ich bin, wie ich mich fühle, dann antworte ich,
dass ich aus Österreich bin aber aus Bosnien stamme. Ich bin irgendwie beides.
Die österreichische Staatsbürgerschaft habe ich. Ich habe bosnische und
österreichische Freunde. Eigentlich ist das Leben in Österreich viel bewusster
als das Leben in Bosnien. Ich habe mich in Österreich nie als Ausländerin gefühlt.

Ich bin der Meinung, dass in Bosnien, Kroatien, Kosovo, ein Muslim,
Kroate oder Serbe zu sein, viel dramatischer ist, als eine Ausländerin in Österreich
zu sein. Dort  haben die Leute viel mehr Probleme untereinander als die Probleme,
die es hier zwischen Inländern und Ausländern gibt.

Nein, ich würde nicht sagen, dass ich Bosnierin bin, nicht ausschließlich.

Berichtet von einer anonymen Bosnierin
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Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21






11



In den 50er Jahren haben wir als Kosovo-Albaner in Maribor gelebt
und hatten so ein Filigran Geschäft (eigene Schmucktechnik), wie das
bei den Albanern so üblich ist. Die findet man von Portoroz bis runter
die ganze adriatische Küste entlang. In den 50er Jahren hat es Auswanderungstendenzen
gegeben und mein Vater wollte nach Australien, Neuseeland oder Kanada.

Das Regime damals war doch um einiges rigoroser, als es dann
später war. Vielleicht auch aus wirtschaftlichen Gründen, oder aus
Lust die Welt kennen zu lernen, ist mein Vater 1956 dann einfach allein
abgehauen über die Karawanken nach Österreich.

Der Nachzug der Familie hat sich dann aber sehr verzögert. Meine
Mutter ist ein halbes Jahr später gefolgt, mit zwei meiner Geschwister.
Ich bekam damals keine Ausreisegenehmigung als fünfeinhalbjähriger und
musste noch drei Jahre warten. In der Zwischenzeit habe ich bei meinen Großeltern
im Kosovo gelebt. Mein Vater hat hier gleich einen Job bekommen als Goldschmied.
Als ich herkam war eine Weiterreise kein Thema mehr. Meine Geschwister waren
in der Schule und auch ich wurde gleich eingeschult.

Mein Vater ist Jahrgang 1926 und lebt noch immer in Graz, meine Mutter
ist leider schon verstorben.

An meine Ankunft in Graz kann ich mich noch sehr gut erinnern.
Ich konnte damals kein Wort deutsch. Es war für mich eine totale
Veränderung, denn der Kosovo war damals der volle Orient und hier
war das schon sehr mitteleuropäisch. Als Kind dachte ich damals
ich könnte da nur willkommen sein und hab daran keinen Gedanken
verschwendet, ob das so ist oder nicht. Als Kind denkt man anders.
Auch meine Eltern konnten zu Beginn kein Wort deutsch. Deswegen verstehe
ich die momentane Diskussion über die Integration von Ausländerkindern nicht
wirklich. Ich bin in die Schule gekommen und fünf, sechs Monate später habe
ich steirisch geredet.

Massiv oder öffentlich haben wir Ausländerfeindlichkeit nicht
zu spüren bekommen. Mein Vater ist ein offener Mensch und hat sich
dann wohl auch die Gesellschaft ausgesucht wo er sich wohl gefühlt
hat, wo er akzeptiert wurde. Ich habe das als Kind wohl auch nicht so
mitbekommen. Das war noch vor der Gastarbeiterwelle, die erst in den
sechziger, siebziger Jahren eingesetzt hat. Noch dazu waren wir als
Albaner Exoten. Heute ist das anders.

Wenn heute jemand sagt dass er Albaner ist, dann meinen die Leute alles
festhalten zu müssen, denn man weiß genau, dass da ziemlich viel Diebe unterwegs
sind. Während der Kriege in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die
Kosovo-Albaner von der serbischen Armee rekrutiert und teilweise an die Front
geschickt, wie das mit den Albanern immer schon üblich war. Da sind damals zwischen
300.000 und 500.000 junge Kosovo-Albaner nach Deutschland, Schweiz, Skandinavien
verschwunden, haben keine legale Arbeit bekommen und teilweise keine
Aufenthaltsgenehmigung und sind allesamt in den Untergrund verschwunden.
Mit dem Fazit das zwischen Budapest, Berlin und so die Albaner Bordelle und
den Drogenhandel in ihrer Hand haben.


Ich fühle mich nicht absolut als Österreicher, auch nicht als Albaner,
eher indifferent. Ich fahre auch total selten in den Kosovo. Das letzte Mal
war ich vor den Kriegen dort, 1989. Aber es gibt telefonischen Kontakt und
mir wird auch immer wieder berichtet. Mein Lebensinteresse ist in Graz und man
kann dort auch nicht wirklich Urlaub machen.

Sehnsüchte nach meiner Heimat, das sind eher Wahrnehmungen in
meiner Kindheit und ist mit Gerüchen verbunden. Es ist damals anders
abgelaufen als heute. Vom Berg runter sind Bauern gekommen und dann ist Käse
bestellt worden, ein großer Laib Schafkäse, ein Hartkäse, der, glaube ich,
im Herbst geliefert worden ist, in den Hof rein. Meine Großmutter hat ihn zerbrochen
und in den Bottich gegeben. Und mit Dill und Salz ist der Käse dann haltbar gemacht
worden und dieser Geschmack mit dem Dill in Verbindung, das ist ein Geruch den nehme
ich manchmal irgendwo wahr und dann kommt mir diese Szene in den Sinn. Ich bin immer
auf der Suche nach so einem Käse.

Es gibt sehr viele mündlich überlieferte Geschichten. Ich bin
sehr österreichisch geprägt, von der Erziehung und vom Umfeld
her. Und da gibt es so viel Unvernünftiges so wie Mut und Ehre und
all diese Dinge die es zu verteidigen gilt für einen Albaner, das
kann ich gar nicht mehr nachvollziehen. Da passieren heute noch
unglaubliche Sachen in Bezug auf Beziehungen – Mann/Frau. Mein
Vater war immer sehr fortschrittlich, das heißt meine Mutter
konnte selbstverständlich auf die Straße gehen. Sie war auch
nicht ausschließlich allein für den Haushalt zuständig,
das war bei uns nicht so.

Zu Hause habe ich mit meiner Mutter albanisch gesprochen, das
heißt sie hat mich albanisch angeredet aber ich habe halt deutsch
geantwortet. Sie hat deutsch in Wort und Schrift nicht wirklich
gelernt, aber war umgangssprachlich sehr gut im Deutschen. Mit meinem
Vater spreche ich vorwiegend deutsch, ab und zu eine Bemerkung auf albanisch.
Meine Kinder sprechen leider kein albanisch. Schon in jungen Jahren bin ich
Vater geworden und da war mir das nicht so wichtig. Und ich habe mich auch
nicht in der Lage gefühlt, ihnen die Sprache zu vermitteln. Ich habe nur die
erste Volksschulklasse in albanisch besucht, und mich dann nicht mehr
weitergebildet. Über ganz einfache Dinge kann ich reden, aber dann rede
ich lieber in deutsch weiter. Ich bin natürlich schon mehr Österreicher als
Albaner.

Die Kinder meiner Geschwister sprechen auch nicht albanisch. Die haben
auch alle keinen besonderen Bezug zu Albanern. Aber das rührt wohl auch daher,
dass wir nicht mit der Gastarbeiterwelle gekommen sind.

Die einzig albanisch sprechende Anlaufstelle war für meinen Vater
1956 ein albanisch sprechender Pater, der war bei den Franziskanern,
der Pater Paolin, der ihm auch einen Job vermittelt hat. Dann gab es
noch den Übersetzer Micolini, und in Sankt Radegund bei Graz gab
es einen Architekt Kherciku aus Tirana. Das waren seine ganzen
albanischen Kontakte.

Die katholischen Albaner sind hier auch nicht gut vernetzt. Meine Eltern
waren dreiundvierzig Jahre verheiratet. Und als meine Mutter gestorben
ist hat mein Vater diesen Zustand überhaupt nicht ausgehalten. Er hat dann
ein halbes Jahr später eine Ungarin kennen gelernt. Und über sie dann viele
Ungarn kennen gelernt und da hat er gemerkt, dass diese hier sehr gut organisiert
sind. Mit Vereinigungen und Gottesdiensten, was bei den Albanern überhaupt nicht
der Fall ist. Der Großteil der Albaner sind Moslems aber ich weiß nicht wie die
organisiert sind.

Das Geschäft hier haben wir seit 1976 und ich habe bis auf ein
paar Jahre immer mit meinem Vater hier gearbeitet. Ich bin gelernter
Goldschmied und habe in der Ortweinschule beim Werner Schmeisser gelernt.
Bei meinem Schmuckgeschäft sehen die Leute meinen Namen und kommen herein,
so zwei drei albanische Jungs. Und erzählen mir von meiner Geburtsstadt Prizren,
Pristina oder sonst wo.

Manchmal passiert es schon wenn ich wegen meinem Namen gefragt werde,
woher ich komme, oder in der wievielten Generation ich hier bin, da höre ich
sehr oft: „Du schaust eh ganz normal aus“. Ich weiß allerdings auch nicht wie man
ausschauen sollte wenn man 1000 km südlicher herkommt.

Basiert auf einem Interview mit Martin Gjecaj
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12



Vor nun sieben Jahren begann ich mit traumatisierten Jugendlichen aus Afrika
künstlerisch zu arbeiten. Aus diesem therapeutischen Projekt entwickelte sich
der Kunstverein BAODO: eine Gruppe meiner „Schützlinge“ fasste Mut durch kreative
Arbeit in verschiedenen Disziplinen (Musik, Performance, bildende Kunst) einen
Weg zu finden, ihre eigene Kultur zu zeigen und in den Veranstaltungen des Vereins
Österreichern zu begegnen und Verständnis für ihre neue Heimat zu gewinnen.

Eines Tages, im Winter 2001, stieß ein junger Mann, frierend und ohne, der Kälte
entsprechender Bekleidung, zur Gruppe. Damals Einer von vielen. Die Flucht hinter
sich und hier gelandet, hatte er ein für ihn „sinkendes Schiff“ verlassen und war
nun in einem Land, von dem er nicht wusste, wo es sich auf der Landkarte befindet
und von dem er vorher niemals etwas gehört hatte. Ausgezehrt und müde fand er
schließlich in einem Caritasheim seine Aufnahme.

In den Monaten darauf suchte er immer wieder Kontakt zu der, zu der damaligen Zeit
sehr kompakten Gruppe BAODO, deren Mitglieder Neuzugängen gegenüber sehr skeptisch
und ablehnend waren. Er half mir ungefragt bei den verschiedensten Tätigkeiten,
ohne selbst noch in den künstlerischen Prozess eingebunden zu sein. Schließlich
wurde er zum wichtigsten Assistenten für die BAODO-Gruppe. Seiner sozialen Begabung
ist es zu verdanken, dass über konfessionelle, ethnische und politische Gräben eine
Brücke gebaut werden konnte. Das Ergebnis zeigt sich heute bei den Besuchern im NIL,
wo sich durchaus Freundschaften zwischen Afrikanern aus verfeindeten/kriegsführenden
Ländern/Stämmen und sich bekämpfenden Religionen entwickelt haben und für viele die
ersten scheuen, aber auch positiven Dialoge mit ÖsterreicherInnen stattfinden.

Joseph Dim kommt aus dem Ibo-Land in Nigeria, dem ehemaligen Biafra und wurde 1980
in Anambra geboren. Dort besuchte er das GTC (Gouvernment Technical College).
Gleichzeitig half er seinem Vater, einem angesehenen Pastor der anglikanischen Kirche,
bei den vielseitigen Tätigkeiten für die Kirchengemeinde. Juristische Beratungen und
Hilfestellungen gehörten dazu, wie auch Ehevorbereitungskurse und Videos von Festlichkeiten.
Nach der politisch-religiös motivierten Ermordung seines Vaters musste Joseph sein
Heimatland verlassen.

Innerhalb von sechs Jahren hat Joseph hier in Österreich vieles erreicht; Deutsch gelernt,
Schulbildung abgeschlossen und die Konzessionsprüfung für Tourismus und Gastronomie
erfolgreich bestanden und daneben als Prospektverteiler, später als Bürogehilfe gearbeitet.
Er hat Computer-, Internet-, Webdesign-, Radio-Technik, Video- und Digitalfotografie-Kurse
besucht. War Referent an der pädagogischen Akademie und an der Universität zum Thema
interkulturelles Lernen, ferner Engagement zum Thema "Ressourcen von MigrantInnen" und
"Empowerment for Migrants". Im Verein BAODO ist er als Kursleiter von interkulturellen
Workshops, Musik- und Malworkshops mit Schulklassen tätig.

Seit Juli 2002 gestaltet er jeden Sonntag die Sendung "African Time", die 3-stündige
Radiosendung für AfrikanerInnen am Sonntag von 8 bis 11 Uhr. Sein Bestreben konzentriert
sich einerseits auf die Vermittlung wichtiger Informationen zu aktuellen, rechtlichen,
kulturellen Themen. African Time bietet andererseits für viele Zuhörer die Möglichkeit
ein Stück Heimat in Graz wiederzufinden. Es gibt Nachrichten aus den jeweiligen Heimatländern,
rechtliche Aufklärung z. B. zu Asylrecht, Arbeitsrecht, Aufenthaltsrecht, Staatsbürgerschafts-
rechte und -pflichten, österreichisches Gesundheits- und Schulsystem, Kinderschutz und
Kindererziehung, Gleichberechtigung von Frauen, kulturelle Unterschiede und Umgangsformen.

Alles mit dem Ziel des besseren Dialoges und der Annäherung zwischen den Kulturen. Das
Anliegen von Joseph Dim ist es, das verzerrte Bild, das von den westlichen Medien über
den "schwarzen Kontinent" und seine BewohnerInnen verbreitet wird, worunter die in
Österreich lebenden AfrikanerInnen leiden, zu korrigieren und die verschiedenen
afrikanischen Länder, deren Kultur und deren verschiedene Religionen vorzustellen.

Joseph Dim setzte sich unter anderem dafür ein, eine bessere Diskussionsbasis zwischen
Polizei und den AfrikanerInnen in Graz herzustellen. Über "Afrikan Time" gab es die
Möglichkeit direkt mit den obersten Vertretern der Polizeidirektion Graz offene Fragen
zu diskutieren. Im "Berg der Erinnerung" (Graz 2003), zeigten seine Videos "Das andere Graz" -
ein nicht wahrgenommenes und unbekanntes Graz. Ein wichtiger Beitrag zur Verhinderung der
Entstehung einer sogenannten "Parallelgesellschaft".

Seit der Eröffnung 2004 ist Joseph Dim als Geschäftsfüher im NIL, Kunstraum + Café,
Jugend-, Kunst- und Kommunikationszentrum, angestellt. Ein idealer Ort, der Begegnung
um seine politische Funktion und seine kulturelle/politische Bildungsarbeit in einem
Ort und die des interkulturellen Dialoges umzusetzen. Hier trifft er Menschen, denen
er unbürokratisch helfen und sie beraten kann; oft begleitet er sie auch zu Ämtern
und Behörden. In seiner stillen und zurückgezogenen Art setzt er sich mit erfolgreicher
Beharrlichkeit für andere Menschen ein. Er tut es freiwillig und ehrenamtlich, neben seinem Job.

2006 wurde Joseph zum ONOWU ONE für Ibo-MigrantInnen in der Steiermark gewählt.
Die Funktion eines Onowu ist ähnlich der eines Häuptlings. Dieser kann als Premierminister
(in der traditionellen afrikanischen Form) und Sprecher des Volkes zu den Politikern beschrieben
werden. - In einem Buch aus unserer afrikanischen Bibliothek im NIL konnte ich mehr über den
Begriff des „Afrikanischen Häuptlings“ erfahren. Ihm kommt alle Ehre und Würde zu, er ist aber
in Wirklichkeit der "Diener" seiner Community. Der Vertreter der Interessen von Anderen wird
gemessen an seiner Bereitschaft sich einzusetzen und seinem Verständnis für das Leben von Anderen.
Für seine Arbeit als ONOWU bekommt er keinen Lohn sondern Respekt. Es geht dabei nicht darum
anderen das Wort zu reden, sondern nach einem für die Gemeinschaft richtigen Weg zu suchen.
Jede Nachlässigkeit oder Ungerechtigkeit zehrt an seiner Reputation. Der ONOWU hört zu und
vertritt dann seine Position mit Nachdruck und Beständigkeit. Dass es zwischen mir und Joseph
in der täglichen Arbeit auch zu Reibung kommt, will ich mir hier nicht verkneifen, genauso wenig,
dass ich ihm für seine uneigennützige Arbeit für den Verein aufrichtig danke.

Was mich besonders freut ist aber, dass die Basis dazu die Kunst war und blieb. Joseph ist
inzwischen auch künstlerisch einer der wichtigsten Aktivisten von BAODO und wurde von einem
namhaften Museum zu einer persönlichen Werkschau eingeladen. Er ist Organisator und selbst
Musiker bei unserer Musikgruppe RAC und bei den BAODO-Boys. Neben seinen vielen Talenten ist
vor allem seine Bereitschaft sich für andere Menschen einzusetzen und den Dialog zu den
Österreichern aufzubauen die Basis von Josephs Weg hier in Graz.

Ein Text von Veronika Dreier, Künstlerin, Oberfrau des Kunstvereins BAODO, NIL Jugend-, Kunst- und Kommunikationszentrum
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13



Ich mag Maria gern, sie hat einen nüchternen, trockenen 
Humor. Wenn ich sie nicht persönlich kennen würde, wäre
ich überzeugt, dass sie maximal 35 Jahre alt ist, aber
tatsächlich wurde sie 1950 geboren. Ich liebe es, wenn sie
über ihre Familie erzählt, die in den vergangenen 50 Jahren
das Leben der ungarischen Hauptstadt – mal mehr, mal weniger
– mitgestaltet hat.

Maria wuchs in einem typischen Zinshaus der Jahrhundertwende
in Budapest auf. Ihre Mutter sorgte allein für die drei Kinder,
nachdem ihr Mann früh verstorben war. Jeden Tag nach der Arbeit
setzte sie sich, gemeinsam mit den Kindern auf den Rundbalkon des
Zinshauses, trank einen kurzen Schwarzen und tratschte mit den
Nachbarinnen lange Abende hindurch über schöne Begebenheiten
des Lebens und über alltägliche Tragödien.

Als Maria Anfang zwanzig war, heiratete sie einen jungen, hübschen
Mann, einen politisch interessierten Intellektuellen. Sie zogen
gemeinsam in den achten Bezirk, in ein Zinshaus. Im Jahr nach der Hochzeit
kam ihr erstes, zwei Jahre später ihr zweites Kind zur Welt. Damals war diese
Gegend viel ruhiger und gewaltfreier als heute. Zwar war doch die Straße zu
der Zeit schon sehr beliebt bei Prostituierten und Kleinkriminellen, aber jede
und jeder betrieb sein Gewerbe auf eine kultivierte und dezente Art und Weise.

Maria fühlte sich in der neuen Wohnung bald zu Hause. Sie verstand
sich mit den Nachbarn gut. Damals war es nicht üblich, seinen
Bekanntenkreis auf Grund von Abstammung, Beruf oder Vermögen zu
gestalten. Wie bereits ihre Mutter saß nun Maria abends mit den
Nachbarinnen am Balkon, man trank einen kurzen Schwarzen und besprach
die Ereignisse des Tages. Maria wurde bald zu einer gern besuchten
Person. Sie war diejenige, die Kaffee zu Hause hatte falls er jemandem
ausging, sie setzte alle an ihren Tisch, die keine Zeit hatten, selbst
etwas zu kochen, sie schaute auf die Kinder, während die Mütter arbeiteten,
goss Blumen und besuchte die Alten. Im Laufe der Zeit wurde Maria immer mehr
zu einer Anlaufstelle der gesamten Nachbarschaft. Und wenn sie mal nichts tat,
dann las sie. Sie las sie alle, die englischen, russischen, deutschen und ungarischen
großen Schriftstellern. Sie politisierte auch viel. In vertrauten Kreisen, natürlich.

Anfang der 90er, kurz nach der Wende, als noch kaum absehbar war, in
welche Richtung sich das Land entwickeln würde, entschieden Maria
und ihr Mann, Ungarn zu verlassen und emigrierten. Maria machte sich
nicht allzu viele Gedanken, denn sie wusste, es würde irgendwie weitergehen –
und die Zukunft der Kinder schien im Ausland plötzlich gesicherter als im Land
der Wende. Nach einem turbulenten, mehrere Wochen andauernden Aufenthalt in
Traiskirchen, kamen Maria und ihre Familie in einen Gasthof in die Steiermark,
in ein kleines steirisches Dorf.

Ich frag mich immer, was damals in dieser quirligen, großstädtischen,
jungen Frau vorging, die ihr bisheriges Leben in einer Großstadt verbracht
hatte und mit jeder Gesellschaftsschicht in Berührung gekommen war. Wie das
gewesen sein muss, als sie sich plötzlich in dieser konservativen ländlichen
Idylle wieder fand? Nach Jahrzehnten im Zinshaus, nach Jahrzehnten im
sozialistischen Budapest, nach etlichen hundert abendlichen Gesprächen, nun
auf einmal mitten auf dem Land. Mitten in der Steiermark. Ein Dorf. Kirche,
Gasthaus, Tankstelle. Aus.

Die Kinder fanden sich innerhalb kürzester Zeit zurecht.
Natürlich. Keine Frage. Sie selbst wandte sich nicht, wie viele
andere, den künstlich geschaffenen Klubs zu, um auf Teufel komm
raus Landsleute kennen zu lernen. Versuchte auch nicht auf künstliche
Weise in die Dorfgemeinschaft aufgenommen zu werden. Sie lebte einfach.

Jetzt sind schon über 15 Jahre vergangen seit sie in der
Steiermark wohnt. Ihre Kinder leben in Partnerschaften mit
ÖsterreicherInnen, ein ungarisch-steirischer Enkel hat auch schon
das Licht der Welt erblickt. Und sie? Sie kann mittlerweile einen
großen Bekanntenkreis ihr Eigen nennen. Im Laufe der Jahre nämlich lernte
ihre Familie zahlreiche UngarInnen kennen. Natürlich traf man sich immer
öfter zum Kaffeetrinken – kurz, schwarz. Und irgendwie kam alles so wie es
schon mal war. Die Frauen gaben ihr die Kinder, um sie zu hüten, während sie
in der Arbeit waren, Nachbarinnen liehen sich Eier und Milch, wenn sie
keine Zeit mehr zum Einkaufen hatten, Männer besprachen so manches Problem
mit ihr; es gab sogar einige junge Studentinnen, die zu ihr pilgerten, um
Nachhilfe in ungarischer Geschichte zu nehmen. Auf einmal war sie wieder
der Mittelpunkt, die Drehscheibe einer Nachbarschaft. Der einzige Unterschied:
Ihr „Wirken“ hatte sich um ein paar hundert Kilometer  nach Westen verlagert.

Es ist heute sehr heiß, aber Maria ist trotzdem nach Graz gekommen. Ihr Mann hat
heute frei und sie wollten einen Spaziergang in Graz machen und schauen, ob beim
Schlussverkauf etwas lohnendes zu finden sei. Ich bin froh, sie heute wieder
mal sehen zu können.

Ein Text von Boglárka Bálint
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14



Schon beim Betreten der Wohnung von Frau Helene Kann, geborene Popov
in Graz spürt man die unverwechselbare Atmosphäre dessen, was in
Russland unter der Bezeichnung „Intelligenzia“ verstanden wird:
die gebildete und kulturorientierte Schicht der russischen Bevölkerung.
Helene Kann – eine zarte, hoch gewachsene Frau in den Achtzigern - erzählt aus
ihrem Leben: die Eltern stammen aus Irkutsk in Sibirien und reisten nach der
sowjetischen Oktoberrevolution Anfang der Zwanzigerjahre in die Türkei aus,
um dort für den Gatten (er war Dirigent) vorübergehend berufliche Möglichkeiten
zu finden, die es in der jungen, von Revolution und Bürgerkrieg zerrissenen
Sowjetunion damals nicht gab.

Aus dem als „vorübergehend“ geplanten türkischen Gastspiel wurde ein
halbes Jahrhundert im Land am Bosporus zwischen Europa und Asien.
In dieser Zeit wurde Helene geboren, die auch in der Türkei ihren
österreichischen Gatten kennen lernte und drei Söhne zur Welt brachte.
Helene Kann kam mit ihrem Mann 1965 nach Österreich, die Eltern folgten
1970. Die erste Zeit in Österreich war im Vergleich zum Lebensstandard
der Kanns in der Türkei nicht ganz einfach. Helene Kann gab Klavierunterricht
und studierte Spanisch in Graz.

Kirchenmusik war für Helene schon in der Türkei ein wichtiges Thema gewesen,
ein russischer Chorleiter aus Moskau begeisterte sie besonders für russische
Kirchenmusik. In Graz leitete die zwar nicht in Russland geborene, aber zutiefst
im russischen Wesen verankerte Helene viele Jahre den russischen Kirchenchor
und es war und ist für sie ein wichtiges Anliegen, in ihrer neuen Heimat hier
ihren österreichischen Landsleuten wichtige Aspekte des religiös-kulturellen
Lebens Russlands näher zu bringen (an den russischen Gottesdiensten nehmen
auch gerne Österreicher und Österreicherinnen teil) und ihren russischen
Landsleuten eine vertraute spirituelle und religiöse Heimat in einer neuen
Heimat zu geben.

Helene Kann-Popov erinnert sich noch gut an ihre erste Zeit in
Österreich: das Ehepaar hatte schon in der Türkei sehr enge Beziehungen zu
den dort lebenden österreichischen Landsleuten des Ehemanns von Helene Kann-Popov.
Man pflegte intensive gesellschaftliche Kontakte und Freundschaften, so dass
Frau Helene mit der österreichischen Mentalität (sofern man eine solche
definieren kann) durchaus vertraut war. Einen Schock bedeutete für
die Russin mit sibirischen Vorfahren das österreichische kalte Klima im Jänner,
als man aus der Türkei kommend in der neuen Heimat ankam. Gesellschaftlich fand
man auch hier rasch Kontakte und Anschluss, besonders mit Baltendeutschen, die
in Österreich lebten. In dem großen Wohnhaus, in dem das Ehepaar Kann-Popov
eine Wohnung bezog, war es schon schwieriger Kontakte und freundschaftliche
Beziehungen aufzubauen. Aber das sei eben ein Spezifikum großer Wohnblocks,
meint Frau Helene rückblickend.

Die ÖsterreicherInnen seien ein Volk, das einem fast automatisch mit einer
gewissen äußeren Höflichkeit begegnet. Es brauche aber eine gewisse Zeit, bis
man in der Lage sei, die typisch österreichischen Höflichkeitsbezeugungen auch
richtig zu werten und zu interpretieren.

An Anzeichen von Fremdenfeindlichkeit kann sich Frau Helene nicht
erinnern, die Situation sei damals entspannter gewesen, als vielleicht
heute. „Aber“, meint sie abschließend, „die Menschen sind im Prinzip überall
gleich: es gibt überall gute und weniger gute, hilfsbereite und gleichgültige und
dies alles bedeutet Menschsein und Menschheit.“

Ein Text von Peter Presinger, Österreichisch-Russische Gesellschaft
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Tatjana Kanshina lernte ihren österreichischen Mann – einen Techniker einer in
Russland tätigen österreichischen Firma – in Moskau kennen und kam Anfang der
neunziger Jahre nach Österreich. Tatjana ist Musik- und Theaterpädagogin
(Absolventin einer Hochschule in St. Petersburg) und erzählt, dass die ersten
Jahre hier für sie sehr schwierig gewesen seien. Das Ehepaar lebte mit dem
Töchterchen Helena zuerst in einem kleinen Städtchen einer steirischen
Industrieregion. Ihr Mann war berufsbedingt wenig daheim und die junge Frau
fühlte sich isoliert und einsam. Von den Nachbarn nicht eben ermuntert
Kontakte zu schließen, von der Familie des Mannes, besonders von
der Schwiegermutter, sehr kühl und distanziert behandelt, war die junge
Russin oft der Verzweiflung nahe. Bei manchen Menschen und in manchen
Situationen wurde Tatjanas russische Nationalität als Makel und Nachteil ausgelegt.
„Oft machten Menschen negative Bemerkungen über Russland, um mich zu kränken“
erzählt Tatjana. „Diese vorwiegend negative und nicht objektive Einstellung
gegenüber meinem Geburtsland ist überhaupt in Österreich sehr verbreitet und
ich verstehe das nicht“ meint sie.

Das Ehepaar lebt nun seit einigen Jahren in Graz, beide sind berufstätig
und Tatjana sagt, sie sei hier glücklich. Sie hat viele Bekannte (auch russische)
gefunden und freut sich, dass es in der Landeshauptstadt auch viele Menschen gibt,
die die positiven Seiten Russlands und seiner Menschen sehr zu schätzen wissen.

Die Beziehung der österreichischen Menschen zu kulturellen
Dingen sei vielfach kühler und von erstaunlich geringerem Interesse charakterisiert
als bei der russischen Bevölkerung, meint Tatjana. Was sie auch verwundert, ist
der vielfach distanzierte Umgang mit alten Menschen. Materiell haben sie mehr als
die Alten in Russland aber die Familie schickt sie gerne in Heime, um nicht durch
die Pflege belastet zu werden.

Obwohl Tatjana die deutsche Sprache gut beherrscht meint sie,
dass man in Österreich auch die eigentliche Bedeutung von Worten,
Sätzen und höflichen Formulierungen und Nuancen erst vielfach lernen muss,
ebenso auch den Dialekt. „Danke“ kann je nach Betonung herzlichen Dank
oder schroffe Ablehnung bedeuten. Und der Satz „ich habe nichts gegen Ausländer“
kann vielleicht auch genau das Gegenteil bedeuten. Tatjana ist froh, dass sie durch ihre
– übrigens glückliche – Ehe mit ihrem Mann auch rechtlich gleich zu Beginn ihres Lebens
in Österreich der einheimischen Bevölkerung gleichgestellt war. Sie meint aber,
dass Österreicher gegenüber Migranten oft sehr blauäugig agieren. Von den
tschetschenischen Migranten und Migrantinnen sind gewiss einige zu Recht aufgrund
ihrer Vorgeschichte(n) in Österreich. Eine große Zahl hingegen wohl nur deshalb,
weil es üblich zu sein scheint, die Herkunft aus Tschetschenien allein
schon als Asylgrund anzuerkennen. „Ihr kennt die Tschetschenen nicht und
importiert Euch damit viele Probleme“ meint Tatjana, die vor allem die Arroganz,
Brutalität, Aggressionsbereitschaft und Faulheit sehr vieler tschetschenischer
Männer kritisiert. „Ihr habt keine Ahnung, wie die mit Frauen umgehen!“

Was Tatjana an und in Österreich gefällt? Die Menschen sind freundlich und
liebenswert – man muss sie nur erst einmal kennen und verstehen lernen.
Medizinische Versorgung, sonstige Infrastruktur und die beruflichen Möglichkeiten
sind gut, das Land ist abwechslungsreich und hat traumhaft schöne Plätze und
Gegenden.

„Und vor allem meine engere Familie – besonders mein Mann – halfen mir sehr,
eine Österreicherin zu werden und zu sein. Das ist eine Basis, die für mich das Wichtigste
überhaupt bedeutet – die Familie“ meint Tatjana abschließend.

Ein Text von Peter Presinger,
Österreichisch-Russische Gesellschaft
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Natascha Khabenskaya wurde in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, in einer
jüdisch-russischen Familie geboren. Sie absolvierte das Musikcollege und
studierte anschließend an der dortigen Hochschule für Kultur. 1994 schloss sie
sich dem damaligen Ensemble „Maccabi“ (später „Lavan Layla“) an, das sich
besonders des alten russischen und jüdischen Liedguts annahm. Vor etwa zehn
Jahren wurde man in der Österreichisch-Russischen Gesellschaft auf das Ensemble
aufmerksam und lud die Gruppe zu Tourneen nach Österreich ein. Es folgten
Auftritte in Wien, Baden, Innsbruck, Fürstenfeld und Graz (um nur einige Beispiele
herauszugreifen) und der Erfolg sowie die Begeisterung beim Publikum ermunterte die
Organisatoren, das Ensemble (bestehend aus Natascha Khabenskaya, Nadija Tschermantova
sowie den beiden begleitenden Gitarristen) einige Jahre hindurch immer wieder nach
Österreich einzuladen.

Und es kam was kommen musste: ein junger steirischer Gymnasiallehrer lernte Natascha
bei einem Konzert kennen und verliebte sich bis über beide Ohren in diese faszinierende Frau.

Seit 2002 lebt Natascha nun mit ihrem österreichischen Mann, dem gemeinsamen
Söhnchen und der in die Ehe mitgebrachten Tochter Anja in der Steiermark. Sie spielt
in der Kirche von Fürstenfeld und anderen steirischen Gemeinden die Orgel und trägt
immer wieder bei verschiedenen Anlässen – etwa Vernissagen des Grazer Künstlerbundes –
mit ihrer Gitarre und ihrem von Gefühl, Tiefe und Ruhe geprägten Mezzosopran zur
musikalischen Umrahmung bei.

Natascha fühlt sich in ihrer neuen Heimat Fürstenfeld recht wohl.
Besonders am Anfang sei eine Kleinstadt zum An- und Eingewöhnen
sehr angenehm, man könne hier mit den Einheimischen auf einer mehr
vertrauten und familiären  Ebene leben, als dies in einer
Großstadt möglich wäre. Sie sagt, sie habe sich in Fürstenfeld angenommen
und nie wirklich fremd gefühlt und ihre russische Herkunft sei von den Nachbarn
eher als Besonderheit im positiven Sinn denn als  Fremdheit empfunden worden.
Vor allem die Nachbarn hätten sie sehr unterstützt. Dabei erwähnt sie
unter anderem auch einen in der Nachbarschaft lebenden ehemaligen
Soldaten der deutschen Wehrmacht, der etliche Jahre nach Kriegsende
in sowjetischer Gefangenschaft verbracht hatte und seither für
Russland und die russischen Menschen tiefe Sympathie und Achtung
empfindet.  Dass Fürstenfeld ein Ort vieler kultureller Veranstaltungen
auf hohem Niveau ist, freut die russische Sängerin ebenso wie der Umstand,
dass Grüßen und Gegrüßtwerden zu den festen Gepflogenheiten einer Kleinstadt
zählen.

Heimweh, die ewige Krankheit russischer Menschen in der Emigration, empfindet die
junge Frau kaum. „Erstens bin ich in meiner Familie total angenommen und glücklich
und außerdem gibt mir mein russischer Pass das Gefühl und die Möglichkeit, jederzeit
nach Russland reisen zu können, und das sind die besten Medizinen gegen Heimweh“,
sagt sie. Bei russischen Menschen, die in der Vergangenheit vielfach aus politischen
Gründen ohne Rückkehrmöglichkeit emigrieren mussten, sei das natürlich eine ganz andere
Situation gewesen. Und dafür gebe es viele Tausende von Beispielen.

Mit der österreichischen Küche komme sie inzwischen ganz gut zurecht,
meint Natascha. Sie habe eine Art austro-russische Küche entwickelt und die schmecke
allen. Ihre österreichische Schwiegermutter hat inzwischen gelernt, russische Pelmeni
zu machen und verwöhnt damit ihre Gäste. Und russische Gäste lernen bei der russischen
Schwiegertochter mitunter österreichische Topfenknödel zu schätzen und auch selbst zuzubereiten.

Mit ihrem viereinhalbjährigen Söhnchen - liebevoll „Schura“ genannt - spricht
Natascha nur russisch. Auch in ihren Träumen spricht sie die Sprache ihrer
alten Heimat. Sie bedauert natürlich, dass es sehr schwierig ist, ihrem Sohn
die russische Welt in Sprache und Kultur wirklich nahe zu bringen und betont,
wie wichtig es für Kinder aus gemischtsprachigen Beziehungen ist, beide Kulturkreise
zu kennen und zu erhalten. „Aber“, so meint sie abschließend, „das ist eine Aufgabe,
an die man sich heranwagen muss.“ Was sie selbst dazu beitragen kann, wird sie tun
und hofft, dass dieses Anliegen auch von der Gesellschaft und der Politik
mittelfristig als wichtig erkannt und zur Integration Toleranz und ein
menschengerechtes Miteinander als förderlich und daher unterstützungswürdig
anerkannt wird.

Ein Text von Peter Presinger,
Österreichisch-Russische Gesellschaft
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Anna Vidyaykina ist 1989 als Tochter von Natascha Khabenskaya geboren,
besuchte in St. Petersburg parallel zur Gymnasialschule die
Benois-Kunstschule und kam mit ihrer Mutter auf Grund deren
Eheschließung 2002 nach Österreich. In Fürstenfeld besucht sie das Gymnasium,
wurde Siegerin in der steirischen Lateinolympiade und hat sehr gute Schulerfolge.
Auch erwarb sie einen Preis beim Europäischen Kinderwettbewerb 2002 in St. Petersburg.
Der Zweite Preis beim Oststeirischen Malwettbewerb und der Jugendpreis des
Landes Steiermark 2004 lassen schon ein wenig den Beginn einer interessanten,
künstlerischen Entwicklung bei Anna erahnen. 2005 wurde sie vom Künstlerbund
Graz als Mitglied aufgenommen. Eigene sehr erfolgreiche Ausstellung 2004 in
Fürstenfeld und Teilnahme an diversen Ausstellungen des Künstlerbundes Graz,
in diesem Rahmen  2005 auch in St. Petersburg. Die Werke der jungen Künstlerin
sind oft witzig und ironisch, zeigen verschmitzt Alltagssituationen, führen
in phantastische Ameisenwelten und machen nachdenklich und manchmal auch betroffen.
Sie selbst erzählt, dass sie den Wechsel von Russland nach Österreich sehr positiv
empfunden habe und empfinde.

Der steirische Dialekt allerdings sei für sie anfangs schwierig zu verstehen
gewesen. In der Schule in Fürstenfeld sei sie sehr offen und freundlich
aufgenommen worden. Es sei nicht einfach, sagt Anna, gleich wirklich enge
Freundschaften zu schließen. Das braucht Zeit und auch die Interessen müssen
zusammenpassen. Inzwischen hat sie Freundinnen und Freunde, mit denen sie sich
gut versteht. Die ersten Freundschaften entstanden mit Ausländern, die anfangs in
einer ähnlichen Situation wie die junge Russin waren.

An der Schule seien die Beziehungen zu den Lehrkräften sehr menschlich. Man
bekomme immer Hilfe, wenn nötig. Lehrer, die man fürchten muss (vereinzelt gibt
es das noch in russischen Schulen) hat Anna in Fürstenfeld nicht kennen gelernt.
Auch das ökologische Bewusstsein, meint Anna, ist an ihrer Schule und überhaupt
in der Bevölkerung viel stärker ausgeprägt als in Russland und das sei doch
eine ganze zentrale und wichtige Frage für unsere Zukunft. - „Ich hatte mich
in Russland sehr für plastische künstlerische Arbeit, für Skulpturen interessiert.
Da diese Möglichkeiten für mich derzeit nicht vorhanden sind, habe ich mich jetzt
stärker auf das Zeichnen und Malen konzentriert“ sagt Anna und, dass sie gerne
wieder keramisch mit Ton arbeiten würde. Sehr beeindruckt sei sie vor allem von
Klimt und Schiele, deren Werke sie in Österreich besser und umfangreicher kennen
lernen konnte.

Anna findet: „Die österreichische Küche ist sehr schmackhaft aber in
vielen Fällen erst gewöhnungsbedürftig. Aber meine Mutter beherrscht ja
ohnehin auch die russische Küche perfekt“. Auf die Frage, was ihr in Österreich
besonders gut gefällt, will sie sich nicht festlegen. Da gäbe es sehr vieles,
was man aufzählen könnte. „Die Leute in Österreich lächeln öfter als die Menschen in
St.Petersburg. Bei Blickkontakt mit einem freundlichen Gesicht bekommt man ein
unbefangenes Lächeln zurück und das tut gut. In Russland sind die Menschen
vielleicht überhaupt ernster und mit Alltagsproblemen beschäftigt, so dass
für ein flüchtiges Anlächeln auf der Straße kein Anlass und kein Raum bleibt“,
sagt sie abschließend.

Ein Text von Peter Presinger,
Österreichisch-Russische Gesellschaft
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Was für ein Ungar kann das sein, der bei der feierlichen Ausrufung
der Ungarischen Republik mitten in Budapest auf dem Kossuth Platz,
dem Platz der bereits der Revolution im Jahre 1956 als Kulisse diente,
einen Herzinfarkt erleidet? Als ich einen Nekrolog über den, erst
kürzlich in Graz verstorbenen, Grafikkünstler und Kosmopoliten György Krizsán
las, war es dieser eine kurze Satz, über den feierlich erlittenen Herzinfarkt,
der mich nicht losließ.

György Krizsán wurde 1927 in Siebenbürgen geboren. Zu diesem Zeitpunkt
gehörte dieser geschichtsträchtige, europäische Landstrich bereits zu Rumänien.
Es war die Zeit der großen Träume der UngarInnen, die hofften, dass Siebenbürgen
bald wieder in das Mutterland eingegliedert werden würde. Diese aber auch
jene Tatsache, dass Krizsán durch die Wirren des Krieges als Jugendlicher
nach Zalaegerszeg geriet, hinterließen mit hoher Wahrscheinlichkeit Spuren
in seiner Vorstellung vom Leben, vom Nicht-Dazugehören, vom Anderssein, aber
in erster Linie vom Ungar-Sein.

Mitte der Fünfziger, nach der Revolution von 1956, emigrierte der
Grafikkünstler nach Schweden, wo er mit seiner Familie die nächsten
zwanzig Jahre verbringen sollte. In Malmö redigierte Krizsán – wie er es
bereits in Ungarn tat – Kinderzeitungen. Ob es die fremde Kinderwelt war,
die zu Tode zitierte skandinavische Mentalität, oder schlicht und einfach Heimweh nach
Mitteleuropa, die ihn um 1975 nach Österreich trieb, weiß wohl niemand. Aber auch
hier war er nicht glücklich über die Lage der ungarischen "community". Trotzdem
klinkte er sich in das hiesige ungarische Kulturleben ein und schrieb für die
ungarische Zeitung in Graz. Auch die zahlreichen Ausstellungen in Österreich
und Ungarn, sowie eine Kinderzeitung, die er in Oberwart herausgab,
sollten nicht in Vergessenheit geraten.

Dass György Krizsán eine interessante, intellektuelle Persönlichkeit war,
lässt sich in Worte kaum fassen. Er war einer, der von Kindesbeinen an bis zu
seinem Tode im Frühling 2007 als Minderheit lebte, als Anderer unter Anderen.
Hätte er seinen Lebensabend nicht in Graz, sondern in Ungarn verbracht, wäre
es wahrscheinlich nicht anders. Er war ein Zeitgenosse, der Tendenzen sah,
diese aber nicht kritiklos mitschleifte. Und doch war er unter vielen,
die sich als "große Ungarn" fühlen, derjenige, der in der Geburtsstunde
der ungarischen Demokratie einen Herzanfall in Budapest erlitt.

Ein Text von Boglárka Bálint
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Veada Stoff habe ich als Leiterin des Vereins „Liste Interkulturelle Frauen“
kennengelernt. Sie ist am 18.03.1950 in Seattle, Washington, USA geboren.
Ihre ersten 6 Monate verbrachte sie im Krankenhaus. Da ihre Mutter
bei der Flugzeugfabrik Boeing arbeitete und nicht sehr viel Geld hatte,
holten die Großeltern väterlicherseits Veada zu sich nach Los Angeles.
Die Großmutter war die Sekretärin von Dorothy Dandridge, der ersten
afroamerikanischen Schauspielerin, die für den Oscar 1958 nominiert wurde.
Veada wurde in katholischen Privatschulen erzogen. Sie konnte die 2., 4.,
6., und 11. Klasse überspringen, weil sie in den Sommerferien auch immer
gelernt und Prüfungen gemacht hat. Im Alter von nur 15 Jahren war sie
bereits Studentin in Kalifornien. Sie lernte schneller als geplant,
weil es ihr Spaß machte und so hatte sie mit 18 Jahren ihren Bachelor und
mit 20 ihren Magister. Motiviert hat sie die Großmutter, die immer Angst
hatte zu sterben bevor Veada ihren Abschluss machen würde.
Außerdem tat Veada sich leicht, da sie ein fotografisches Gedächtnis hatte.
Von 1968 bis 1970 arbeitete sie im Universitätskrankenhaus in Los Angeles
in der Forschungsabteilung für Polyurethan Gips, anschließend drei Jahre
in der Werbebranche. Die Forschung war interessant, aber eintönig. So war
sie von 1973 bis 1976 als Kreditmanagerin in einer Kreditanstalt in Alaska
tätig. Ihre Aufgabe war es, zu recherchieren ob Kunden kreditwürdig sind.
Am 24. Dezember 1974 hat Santa Claus sie verheiratet. Mit ihrem Mann,
der beim Militär arbeitete, ging sie nach Japan und arbeitete in Tokio
zunächst als Aupair-Mädchen, dann als International Business English
Coach und als Managerin bei McDonalds. Als das Ehepaar in die USA
zurückkam, wurde sie Office-Managerin in einer Baufirma in Washington.
Ihr Mann musste aus beruflichen Gründen für vier Jahre in die Türkei
fahren. Dort lernte er eine andere Frau kennen und ließ sich scheiden.
Veada entschloss sich nach Europa zu fahren. Sie kam nach Graz und
lernte zufällig hier im Bahnhof ihren jetzigen Mann kennen. Seither
lebt sie in Österreich. In den ersten 6 Jahren war sie in der Druckerei
Wall tätig, bis sie durch einen Arbeitsunfall eine schwere Fingerverletzung
erlitt. Ab 1986 arbeitete sie dann als Kindermädchen, Tagesmutter, Haushälterin
und in Reinigungsfirmen. Von 1997 bis 2000 unterrichtete sie bei der Urania in
Graz Business-English. Mittlerweile schreibt sie Theaterstücke, führt Regie,
macht Castings, findet Sponsoren und macht Werbung bei ARENA. Zwischen 1999
und 2006 arbeitete sie bei ISOP als Leiterin des Projektes „Unterstützung von
Migrantinnen bei Behördenwegen“, sowie von wichtigen Projekten wie
„WomYn Special“ I und II und solchen die sich mit Gesundheit und
dem Schulsystem beschäftigen. Zur Zeit ist sie Leiterin der Liste
Interkulturelle Frauen und arbeitet beim Kinderprojekt „Happy Summer“
2006 und 2007 (von WIKI) mit.

Seit 29 Jahren ist Veada nun in Graz. Sie wollte schnell die Sprache lernen
und Arbeit finden. Die Kultur von Europa und den USA ist nicht so unterschiedlich.
Nur die Kinofilme waren ein bis zwei Jahre hinterher. Die hat sie nämlich zum
Deutschlernen benutzt. Veada hat Schwierigkeiten mit der hiesigen Mentalität.
Es stört sie sehr, dass die Leute sich nicht 100%ig für etwas einsetzen,
sondern viele ihre Jobs für acht Stunden nur absitzen. Zu Beginn ihres
Aufenthalts hat sie keine Ausländerfeindlichkeit erlebt. Als Mitte der 80er
Jahre Menschen aus Ghana und Ende der 80er/Beginn der 90er Jahre aus Nigeria
kamen, da wurde alles anders. Auf einmal sind Leute auch mit Veada anders
umgegangen. 1979/80 waren die einzigen südafrikanischen Frauen, die sie
kennen gelernt hat, solche die mit Österreichern verheiratet waren. Einmal
ist es ihr, der eher hellhäutigen Afroamerikanerin, passiert, dass sie von
einer Frau mit den Worten „Aus dem Weg du Neger!“ attackiert wurde. In dieser
Zeit hat sie wirkliche Aggressivität und auch verbale Attacken erlebt. Ihre
Schwester, eine begüterte Immobilienmaklerin in Los Angeles, hat sie 2002
hier besucht. Doch weil sie beide so oft rassistisch angegriffen wurden, ist
sie nur fünf Tage geblieben. Die Schwester wohnte im Erzherzog Johann Hotel.
Als die beiden Schwestern ein Kleidergeschäft in der Stempfergasse betraten,
wollte die Verkäuferin sie nicht bedienen. Sie hat ihnen zu verstehen gegeben,
dass Flüchtlinge hier nichts zu suchen haben.

Träumen tut Veada bereits in deutsch. Die quirlige Frau fühlt sich überall
irgendwie heimisch wo sie ist - nicht wirklich in den USA oder in Österreich,
sie ist überall daheim. Veada ist steirischer als ihr Mann Rudi – hat Dirndl
und Kostüme, geht auf den Bauernbundball, kann steirisch tanzen, alles
Aktivitäten die er nicht wirklich teilt. Auch kennt sie sich gut aus in
der österreichischen Geschichte.

Veada lebt in zwei Welten. Einmal wurde sie von Shedman gefragt, ob sie
demonstrieren kommt für ausländische Taxifahrer. Sie sah ihren Nachbarn
und die Taxichefs zusammen sitzen. Also geht sie hin, redet mit denen,
um dann zu demonstrieren. Auch beim Glamour ist sie ein wenig daheim.
Einer ihrer Schulkollegen ist Philip Thomas, der fesche Tubbs aus der
Serie „Miami Vice“. Als dieser in Wien war, telefonierten sie und er
kam auch nach Graz. Sie hat ihn im Parkhotel getroffen.

Für MigrantInnen wünscht sie sich generell, dass sie alle sehr gut
deutsch lernen, reden, schreiben, verstehen. Das ist eines der
wichtigsten Dinge. Und dann, dass sie die Gepflogenheiten lernen.
Und auch dass die MigrantInnen mit den ÖsterreicherInnen mehr
gemeinsam tun - auch tun können.

Veada meint, es ist sehr wichtig was Fred Ohenhen macht, aber es
muss von der MigrantInnenseite mehr getan werden. Es gibt gewisse
Leute, die nicht auf die andere Seite der Mur gehen. Die sagen auch:
„Was soll ich dort machen?“ Interesse und Neugier sind nicht da.

Veada macht sich wirklich Sorgen wegen einer gewissen Ghettoisierung.
Sie meint: „Wir haben ein Gesundheitszentrum für den Islam, eines
für die AfrikanerInnen, für die KroatInnen und andere. Wann wird es
je in den Mainstream kommen? Wenn nicht schnell etwas geschieht, haben
wir bald ein ‚Little Africa’ hier. Am meisten leidet darunter die
zweite Generation - die Kinder.“ Das sind genau die Probleme, die
sie in der Politik umsetzen möchte. Veada ist ÖVP-Kandidatin der
Gemeinderatswahl am 20.01.2008.

Ein Text von Albena Angelova
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Ich komme aus Belem, einer Stadt mit 1,8 Millionen Einwohnern, die im
Norden von Brasilien liegt. Seit September 1999 bin ich in Österreich.

Mein Mann ist Niederösterreicher und wir haben uns in Wien kennen
gelernt. Meine Schwester wohnt auch in Wien. Sie ist vor fünfzehn
Jahren aus Brasilien gekommen. Ich habe damals einen Urlaub mit meiner
Mutter in Wien gemacht. Der Mann meiner Schwester hat einen Portugiesischkurs
besucht, wie auch mein späterer Mann.

Wir sind zwei Jahre in Sao Paolo geblieben. 1997 haben wir geheiratet.
Mein Mann hat einen guten Job bei Magna Steyr bekommen und so sind wir
in Graz gelandet. Für mich war das ziemlich schwierig. Ich habe in Brasilien
Jus studiert und bei einem Rechtsanwalt gearbeitet, aber die Zeugnisse sind
nicht nostrifiziert worden.

Anfangs war es für mich undenkbar, hier zu leben. Aber mein Mann
hat mir die zwei Jahre, die wir in Brasilien lebten, viel von Österreich
erzählt. Natürlich habe ich mir auch Fragen wie Arbeit überlegt. Und auch,
wie ich damit zurecht kommen werde, dass der Großteil meiner Familie in Brasilien ist.

Im Februar 2001 habe ich bei Magna Steyr angefangen. Ich wollte schon
vorher arbeiten, aber ich musste erst einmal die Sprache lernen. So
habe ich drei Semester den Vollstudienlehrgang gemacht und Deutsch
gelernt.  Jetzt arbeite ich im Ingenieursbereich für die Gesetze, die
den technischen Standard betreffen. Ich kann Portugiesisch, Deutsch,
Englisch, und ein bisschen Spanisch und Französisch. Deutsch und Englisch
sind von großem Vorteil, weil ich hier mit Gesetzen aus dem asiatischen Raum arbeite.

Es war gar nicht schwierig, mich hier einzuleben. Nur meine Familie
geht mir ab. Die Probleme hängen von der Sprache ab. Wenn man die
Sprache lernt, dann ist es viel einfacher. Leute, die die Sprache nicht
beherrschen, haben einfach mehr Probleme. Und Rassismus gibt es überall.

Mit meinem viereinhalbjährigen Sohn spreche ich sehr viel portugiesisch.
Lorenz geht schon in den Kindergarten. Träumen tu ich mittlerweile auf Deutsch
- zumindest ab und zu. Aber ich fühle mich total als Brasilianerin, tanze gerne,
rede viel.

Es gibt Kleinigkeiten, die mir abgehen. Manchmal will ich einfach nur
in meiner Muttersprache reden. Hier lebe ich von Frühling bis Herbst –
im Winter tut man hier nichts. Ich mag auch Schnee, es stört mich nur, dass
es schon so früh finster wird.

Ich koche viel brasilianisch, esse aber auch gerne österreichisch.
Im Norden Brasiliens ist die Küche weniger von den Afrikanern beeinflusst,
mehr von den Indios. Ich wohnte mitten im Amazonas und deswegen gibt es dort
auch weniger Bohnengerichte.

Zurückgehen würde ich nicht gerne, denn jetzt bin ich schon 8 Jahre
hier und mag nicht wieder von vorne anfangen.

In Belem gibt es ein kleineres kulturelles Angebot als hier in Graz.
Wir haben nur Superkinos. Viele Filme werden gezeigt, und alle lieben
die Telenovelas. Die Qualität unseres Fernsehens ist super – alles was da ist.

Ich kenne viele BrasilianerInnen. Viele Kontakte bestehen aber nicht,
bis auf zwei, drei. Auch, weil ich nicht so viel Zeit habe. Einmal im
Monat gibt es im ‚Riconandino’, einem südamerikanischen Lokal in Graz,
einen Samba-Abend mit Martha Carvalho, der Samba- Lehrerin und da gehe ich
gerne tanzen. Sonst treffe ich mich mit ein paar Leuten einmal im Monat. Oder
wenn ich ins Lateinamerika-Institut gehe, gibt es eine Vorlesung oder es
wird ein Film gezeigt und dann treffen wir uns so, und im Anschluss gehen wir
noch was trinken oder so.

Einmal im Monat fahren wir zu den Großeltern nach Niederösterreich, nach
Herzogenburg und dann besuchen wir auch meine Schwester. Wir telefonieren täglich.
Wir sind sechs Kinder: zwei Brüder, vier Schwestern. Die anderen sind alle in Brasilien.
Mittlerweile waren auch mein Bruder und eine andere Schwester hier und meine Mutter
hat uns bereits zweimal besucht. In der nächsten Woche fliege ich für drei Wochen nach
Brasilien, auf das freue ich mich schon sehr.

Ich würde mir wünschen, dass die Leute flexibler sind. Ich glaube, dass die Probleme
mit Integration und Migration mit Ignoranz zu tun haben und auch Flexibilität von
beiden Seiten notwendig ist. Das sage ich nicht nur, weil ich Brasilianerin bin. Ich
muss mich an die Gesellschaft anpassen, wenn ich woanders lebe. Weniger Stolz und mehr
Flexibilität, dann wäre einiges einfacher.

Nach einem Interview mit Christinne Countinho-Kaiser transkribiert
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Ich heiße Valentina, bin Migrantin aus Serbien, gehöre also zu einer Minderheit
in Graz, der der Ausländer. Aber selbst in meiner Heimat gehöre ich einer Minderheit
an, denn ich komme aus dem Banat, in der Provinz Vojvodina, im Nordosten Serbiens.
In diesem Flecken Land leben Serben, Rumänen, Slowaken, Ungarn, Russen und Deutsche.
Ich selbst habe rumänische Nationalität, dadurch bin ich in zwei Kulturkreisen
aufgewachsen, dem rumänischen und dem serbischen. Ich bin also gewohnt, mit Menschen
verschiedener Nationalitäten zu leben.

Seit 18 Jahren bin ich in Graz zuhause. In dieser Zeit habe ich sehr viel erlebt,
viele Höhen und Tiefen. Hier habe ich drei Kinder geboren, habe verschiedene Berufe
ausgeübt, zahle meine Steuern, habe alle meine Versicherungen abgeschlossen. Für mich
ist Graz wirklich mein Zuhause. Wenn ich nach Serbien fahre, dann nur um meine Eltern
zu besuchen. Ich betrachte diese Fahrten stets als kurzen Urlaub. Übrigens, meine
Kinder sind Österreicher, aber sie sprechen außer deutsch auch serbisch und rumänisch.
In dieser Zeit hatte ich in Graz fast nur Kontakt mit ÖsterreicherInnen und natürlich
mit meinen Landsleuten. Durch Zufall lernte ich Carlos Escobar Pukara in einem
bekannten Grazer südamerikanischen Lokal kennen. Das war vor elf Monaten. Ich war
von Freunden eingeladen. Carlos arbeitete dort - er ist Musiker.

Wir sind ins Gespräch gekommen und wir beide haben gemerkt, dass wir viele
Gemeinsamkeiten haben - unter anderem kaputte Ehen, Kinder (er hat zwei österreichische
Kinder) und natürlich, beide sind wir Ausländer. Übrigens, auch Carlos hatte fast
ausschließlich nur Kontakt zu ÖsterreicherInnen und seinen Landsleuten.In der kurzen
Zeit, die ich ihn kenne, habe ich dennoch in seine wahre Seele
blicken können und
allmählich den Menschen Carlos kennen gelernt.

Carlos hat indianische Wurzeln aus Peru; er ist in den Anden geboren und aufgewachsen
am Titikaka See. Vor 17 Jahren ist er als Straßenmusiker nach Graz gekommen und ist
hier geblieben. Er sagt immer, Graz ist seine zweite Heimat, denn Heimat ist dort wo
der Mensch sein Leben aufbaut, dort wo er für Nachwuchs gesorgt hat und vor allem
dort wo er seine Freunde hat; sprich, dort wo er als Mensch seine soziale Umgebung
geschaffen hat, egal wie er ausschaut.

Mittlerweile spielt Carlos nicht mehr auf der Straße, er hat eine eigene Band, die
sich Pachakuti nennt, er zeigt Diashows, er arbeitet an Schulen und veranstaltet
Reisen in Peru. Alle diese Tätigkeiten haben einen gemeinsamen Grundstein, die
indianische Kultur, und das Ziel, seinen Zuschauern und Zuschauerinnen eine
ihnen fremde Kultur zugänglich zu machen. Weil er stark ausländisch aussieht
(er ist Indianer) kann er diesbezüglich viele
Anekdoten erzählen, zum Beispiel,
von Leuten die in ihm nur einen „wilden Indianer“
sehen, so als wären sie in einem
Wildwestfilm. Sie lästern über ihn mit wildem Geschrei
und reden mit ihm in einer Art
Steinzeitsprache. In Wirklichkeit ist er nicht nur Künstler,
sondern er hat in Russland
Elektrotechnik und in Graz Übersetzer studiert; aber er spricht
ungern darüber.

Wenn man ein halbes Leben in einer fremden Heimat lebt, muss man sich damit beschäftigen.
Auch ich werde ständig damit konfrontiert, obwohl mein Aussehen europäisch ist. Aber kaum
mache ich den Mund auf, merkt jeder in Österreich, dass ich Ausländerin bin und obwohl wir
beide wirklich in der österreichischen Kultur und Gesellschaft integriert sind, müssen wir,
wenn wir mit anderen Menschen kommunizieren, immer zuerst schauen, dass wir uns als „normale
Menschen“ behaupten.

Als Carlos und ich uns vor elf Monaten kennen lernten, war es vor diesem Hintergrund so,
als hätten sich zwei Landsleute in einer fremden Heimat gefunden. Irgendwie hat gerade
Österreich und seine für uns fremde Kultur uns als Menschen sehr viel näher gebracht. Carlos
und ich sind seit zehn Monaten zusammen - eine Rumänin aus Serbien und ein Indianer
aus Peru,
die gemeinsam acht Sprachen fließend sprechen und die beide Österreich als Heimat betrachten.


Ein Text von Valentina Nistor

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