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Zu dem Projekt
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Angelova
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1
Ich bin zutiefst überzeugt, dass das Leben wunderschön ist, oder, um es anders auszudrücken, dass es für alle wunderschön sein sollte. Aber es ist nicht einfach, eine völlige Übereinstimmung unter den Menschen zu erreichen. Und die Missverständnisse sind der Grund für alle Probleme in der Welt.
Dort woher ich komme wird Demokratie nicht geschätzt. Bevor es Demokratie gab lebten wir so wie wir auch heute leben: ein hartes Leben mit vielen Problemen und ohne Rechte. Wir wussten, dass wir keine Rechte haben und wir haben das hingenommen. Dann kam die Demokratie und man sagte uns, dass wir nun einige Rechte haben. Jedoch, unsere Rechte sind nicht in Kraft getreten. Es gibt keine Autorität, um die Menschen dort zu schützen, damit sie ihre Rechte praktizieren können. Das ist der Grund, weshalb ich mein Land verlassen musste. Die Wahrheit ist, dass die Demokratie nie wirklich nach Afrika kam.
Ja, eines Tages sagte man uns, wir wären nun zu diesem und jenem berechtigt. Wenn man aber diese Rechte in Anspruch nehmen möchte, wenn man diese Rechte für sein Leben verlangt, wenn man demonstriert, um diese Rechte zu bekommen, wird man mit den herrschenden Mächten konfrontiert, die einem diese Rechte nicht zugestehen. Wenn man Gerechtigkeit sucht, wird man unerwünscht. Das geschah mir.
Natürlich ist Demokratie etwas Gutes und natürlich wollen wir alle eine Demokratie. Aber in Afrika gab es nicht genügend Zeit, zu verstehen was Demokratie überhaupt sein soll. Als Erstes hätte man uns über Demokratie belehren sollen. Die Menschen dort haben noch nicht verstanden wie sie mit Demokratie umgehen sollen. Afrika braucht dafür noch Zeit.
Viele Menschen verlassen täglich Afrika und für jeden gibt es dafür einen guten Grund. Ich musste mein Zuhause verlassen, weil mein Leben in Gefahr war. Mein Kind habe ich zurückgelassen und jede Mutter weiß, wie schmerzhaft das ist.
Wenn ich beobachte wie das Leben hier in Österreich ist, dann sehe ich einen großen Unterschied zwischen Europa und Afrika. Hier erkenne ich humane Evolution. In Afrika kann man davon nichts bemerken. Hier darf jeder seine Rechte in Anspruch nehmen. Auch wissen die Menschen hier was erlaubt ist und was nicht. Ich finde, dass das Leben in Europa ein perfektes Leben ist, so wie es sein sollte. Ich hoffe, dass ich die Chance bekomme, mein Leben in diesem Land weiter zu führen.
Ich möchte nicht erzählen wie und weshalb ich in dieses Land hier gekommen bin. Diese Geschichte würde ich lieber vergessen. Als ich vor fünf Jahren kam, bat ich um politisches Asyl. Diese Bitte wurde mir sechs Monate später verweigert. Ich reichte eine Eingabe ein und warte seither auf Antwort. Ich weiß nicht, ob mein Ersuchen in einem halben Jahr, in einem Jahr oder in fünf Jahren erledigt wird. Die staatliche Verwaltung wird über unser Leben entscheiden. Es gibt keine Versprechungen, keine Vorhersagen. Um meine Situation zu verbessern, kann ich nichts machen. Ich habe kein Recht zu arbeiten. Nichts ist entschieden was meine Zukunft betrifft. Nur meine Gegenwart. Ich bin hier und das ist alles was ich weiß.
Ich bin nicht glücklich. Um mein Leben zu retten, flüchtete ich und so kam ich hierher. Und mein Leben war gerettet. Ich weiß, dass mich hier niemand verletzen wird. Das ist eine große Erleichterung. Aber es macht mich nicht glücklich. Ich habe ein Problem gelöst - nun habe ich neue Probleme. Es ist genauso schwierig wie vorher. Ich bin alleine hergekommen und jetzt habe ich hier zwei Kinder, für die ich zu sorgen habe.
Ich werde der glücklichste Mensch auf Erden sein, wenn ich eine positive Antwort auf meinen Antrag bekomme, wenn man mich bleiben lässt und ich in diesem Land leben darf. Ich lebe für den Tag, an dem man mir eine Antwort gibt. Wann das sein wird, weiß ich nicht.
Vielleicht könnte ein guter Jurist mir helfen. Aber um einen solchen zu engagieren benötigt man Geld und das habe ich nicht. Ich darf keine Arbeit annehmen und so kann ich kein Geld verdienen. Von anderen habe ich gehört, dass die Erfolge viel günstiger sind, wenn ein privater Rechtsanwalt einen solchen Fall übernimmt.
Seit längerer Zeit plagen mich Schlafprobleme. Nach zwei bis drei Stunden wache ich auf. Ich habe Alpträume. Ich habe Sorgen was aus meinen Kindern wird und was mit uns passiert. Dann bete ich und bete und nach einiger Zeit schlafe ich wieder ein.
Für eine Frau ist es das Wichtigste, einen guten Ehemann zu haben und einen guten Job und die Kinder gut versorgen zu können. Ich habe all das nicht. Doch – ich habe Kinder.
Der Vater meiner Kinder ist Afrikaner mit österreichischer Staatsangehörigkeit. Es scheint mir also, es würde Sinn machen, dass Kinder berechtigt wären, die Staatsbürgerschaft des Vaters zu bekommen. Aber so ist es nicht. Da ich mit ihrem Vater nicht verheiratet bin, haben meine Kinder dieses Recht nicht. Die Kinder sind ebenfalls Asylsuchende. Sie sind hier geboren, ihr Vater ist Österreicher, aber sie haben keinerlei Rechte in diesem Land. Ist das nicht ungerecht?
Zu Hause war ich Friseurin aber auch im Handel beschäftigt. Ich wünsche mir, dass meine Töchter hier zur Schule gehen können und etwas lernen. Ich wünsche mir auch, dass sie lernen, mit anderen Menschen in Frieden zu leben.
Manchmal, wenn ich mich wohl fühle, sieht alles gut aus und ich sehe Hoffnung. Aber plötzlich haben die negativen Gedanken wieder Übermacht, obwohl ich gar nicht denken möchte. Und dann schaue ich meine Kinder an und frage mich, was für ein schlimmes und hartes Leben sie wohl einmal haben werden, und werde traurig und voller Angst.
Der Vater meiner Kinder hat uns verlassen. Er lebt nicht mehr in Österreich sondern in England. Und so bin ich mit meinen Kindern allein. Es ist nicht leicht.
Ich leide unter Kopfschmerzen und muss Medikamente zum Einschlafen nehmen. Nach zwei Stunden wache ich dann wieder auf – und bete.
Ich tue mein Bestes stark zu sein und positiv zu denken. Ich habe begonnen die Sprache zu lernen und nehme an einem Nachmittagskurs bei ISOP teil, den ich täglich besuche. Es ist sehr wichtig, denn ohne wirkliche Sprachkenntnisse werde ich weder einen guten Job noch Freunde finden.
Manchmal fühle ich mich sehr einsam. Aber dann passiert es, dass ich meine Mädchen anschaue und mir vorstelle, dass alles einmal gut werden wird. Sie sind so wunderbar. Und dann kommen wieder die Momente, wo sie mir leid tun: was werde ich ihnen geben können?
Es gibt Zeiten, wo mich Ängste überwältigen. Ich fürchte mich, gezwungen zu werden in mein Land zurück zu gehen. Und wenn ich mir so etwas vorstelle, dann verliere ich mich. Was passiert, wenn sie mich zurück schicken? Was geschieht mit meinen Kindern? Werden sie mit mir zurück geschickt? Wo werden wir hingehen? Wie werden wir das überhaupt machen?
Immer wenn ich an diesen Punkt komme und diese dunklen Gedanken mich gefangen nehmen, dann versuche ich mich zu beruhigen, denn ich weiß, dass mütterliche Ruhe so wichtig ist für Kinder. Nur eine glückliche Mutter kann glückliche Kinder haben. Wenn ich mich ruhig fühle versuche ich Freude in meinem Inneren zu entwickeln. Ich spiele mit den Kindern und singe ihnen etwas vor. Ich versuche diese Glücksmomente zu halten und auszudehnen. Aber die Augenblicke, wenn das Glücksgefühl verschwindet, kommen wieder. Dann kann ich mit den Kindern nicht spielen und das ist nicht gut. Aber so ist es.
Manchmal merke ich, dass die Person, die ich wurde, nicht die selbe ist, die ich vor einigen Jahren war. Ich habe manchmal Schwierigkeiten, mir ganz gewöhnliche Dinge zu merken. Zwischendurch bin ich so konfus, dass ich Dinge nicht sehe und dann bekomme ich Angst, wenn ich entdecke, dass ich etwas Wichtiges vergessen habe. Wenn ich allein bin, ist es als ob mein Leben mit aller Kraft auf mich einschlägt. Wenn ich mit anderen Leuten bin, passiert das nicht. Es tut mir gut, mit Leuten zusammen zu sein.
Ich danke Gott, dass es die Caritas gibt. Hier sind wir sicher. Wenn wir krank sind, wird uns geholfen. Man behandelt uns gut. Ich bin sehr dankbar für alles, was wir hier bekommen. Man gibt uns Nahrung und versorgt uns mit allem Nötigen. Aber das sollte nicht meine Zukunft sein. Ich bin jung, ich sollte einen Job haben, arbeiten, für meine Kinder sorgen und eine verantwortungsbewusste Mutter sein. Ich wünsche mir so sehr eine solche vorsorgende Mutter zu sein. Ich würde für meine Kinder gern sparen. Doch, wer weiß, vielleicht werde ich nie in die Lage kommen, Sparbücher anzulegen.
Ich bin so dankbar, dass es einige ganz besonders gute Menschen in dieser Welt gibt. Ich habe einen Freund, der aus dem selben Land kommt wie ich. Er hilft mir sehr. Wann immer ich ein Problem habe – mein ‚Bruder’ hilft. Er hilft mit den Kindern und ist sehr lieb zu ihnen. Ich weiß nicht was schon passiert wäre, wenn er nicht da wäre.
Meine Kopfschmerzen ängstigen mich.
Viele Male habe ich beschlossen keine Angst mehr zu haben. Doch so sehr ich mich wehre, die Ängste kommen immer wieder. Ich kann wohl nicht viel dagegen tun. Wenn ich aber die kleinste Freude fühle, bin ich mit meinem ganzen Herzen froh. Ich singe dann. Ich weiß, dass es meinen Kindern gut tut und ich weiß, dass es gut für mich ist.
Eine Mutter muss glücklich sein, damit auch die Kinder glücklich sind. Das weiß jeder. Und darum ängstigen mich meine finsteren Stimmungen so. Ich habe deshalb um psychiatrische Hilfe gebeten, weil ich all das nicht mehr selbst verarbeiten kann.
Manchmal träume ich von Reisen. Ich möchte meine Mädchen so gern irgendwohin in einen Urlaub nehmen, oder auch ein Ausflug wäre schön. Aber – wir dürfen nicht reisen. Wer weiß, ob ich sie jemals irgendwohin mitnehmen kann. Vielleicht … in einem Jahr, in zwei oder in zehn Jahren …
Vor einiger Zeit traf ich eine Dame. Sie meinte, es gäbe keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Die Sonne scheint immer intensiver nach einem Regen, sagte sie. Und, dass das Licht immer stärker war als die Finsternis.
Nach einem Bericht einer anonymen Asylwerberin aus dem Caritas Frauenwohnhaus in Graz -------------------------------------------------------------------------------------------- Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21
2
Er war einer der ersten Menschen, die ich in Österreich traf und er wurde die wichtigste Person für mein berufliches Leben, um erste Schritte in meiner heutigen Heimat zu machen.
Als ich Ende 1999 nach Österreich kam, wurde ich am Grazer Bahnhof von einer Bekannten abgeholt. Während wir aus dem Bahnhof hinausgingen, kamen uns zwei Männer entgegen. Meine Bekannte und ich begrüßten sie. Später erfuhr ich, dass einer der Männer Fred Ohenhen war. Einige Monate danach, als ich mein Deutsch gelernt hatte und einen Job suchte, half Fred mir. Er bot mir die Mitarbeit in seinem Projekt IKU an. Von diesem lieben und geduldigen Mann habe ich viel gelernt, nicht nur wie man mit den Leuten arbeitet sondern auch wie man sich weiter entwickelt und nach vorne geht. Ohne seine Hilfe würde ich heute nicht als freie Referentin unterwegs sein können.
Fred wurde 1966 in Benin City in Nigeria geboren. Dort studierte er Englisch und Religion und arbeitete einige Jahre als Lehrer. Als er 23 Jahre alt war, kam er nach Österreich. Hier ließ er sich am College für Außenhandel am WIFI Graz mit Lehrabschlussprüfung zum diplomierten Außenhandelskaufmann ausbilden und arbeitete danach bei verschiedenen Vereinen, die sich mit dem Thema Migration beschäftigen.
Von Jänner 1996 bis März 1997 war er der erste Vorsitzende des Ausländerbeirats der Stadt Graz, jetzt Migrantenberat. Diese Position musste er aufgeben als er die österreichische Staatsbürgerschaft bekam.
Seit August 1998 ist er bei ISOP (Innovative Sozial-Projekte) als Projektleiter im Bereich interkultureller Bildung tätig. Bei ISOP hat er sein eigenes Projekt IKU eingebracht und dort weiterentwickelt. In der Sprache der Benin heißt IKU "spielend erleben". Es ist ein Projekt, das in verschiedenen Schulen, Kindergärten und Bildungseinrichtungen durchgeführt wird, wobei durch Musik, Kochen und Erzählungen den Schülern andere Kulturen und Länder näher gebracht werden, um die Angst vor Fremden abzubauen und gegen Rassismus zu kämpfen.
Gleichzeitig veranstaltet er die ISOP Afro-Nächte, wo er ebenfalls durch Musik, Tanz und interkulturellen Dialog versucht, der Fremdenfeindlichkeit etwas entgegen zu setzen.
Daneben arbeitet er auch als freier Referent an verschiedenen Bildungseinrichtungen bzw. in entwicklungspolitischen und interkulturellen Bildungsprojekten. Er leitet Seminare und Workshops im Bereich kultureller/politischer Bildung, aber auch Märchen-Lesungen und Trommel-Workshops.
Er setzt sich sehr gut und gerne für andere Menschen ein. Sein Job ist nicht immer einfach; es gibt manchmal Fremdenfeindlichkeit, doch dann gibt es auch sehr viele schöne Erfahrungen. Dieser Mann hat sein Leben in Österreich dem Thema Rassismus gewidmet, und hat diesbezüglich viel geleistet - nicht nur für Afrikaner und für andere Ausländer sondern auch für Inländer.
Fred lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Graz.
Ein Text von Marie Louisette Douatsop
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3
Ich wurde 1938 in Kairo in Ägypten geboren. Als mein Vater mich einmal nach meinen Zukunftsplänen gefragt hatte, sagte ich ihm, dass ich ins Ausland gehen wolle. Eigentlich wusste ich damals gar nicht was Ausland ist und wo es sich befindet. Bis zur Matura, die ich 1958 mit Erfolg bestand, hatte ich alles verdrängt, hatte ganz vergessen, dass ich als kleines Kind immer ins Ausland wollte. Und dann war mein ganzes Ziel und meine ganze Hoffnung, in die Akademie der Polizei oder zum Militär zu kommen. So habe ich mich also in einem Camp gemeldet, einer Vorbereitungsschule, wo junge Menschen sich für die Polizeiakademie oder zum Militärausbilden lassen können.
In dieser Zeit wusste ich nicht, dass mein Vater sich nach Deutschland, Österreich und England gewendet hatte, um meinen Kindheitswunsch zu erfüllen und um einen Universitätsplatz für mich zu finden. Das war Mitte 1958. Es kam kein Bescheid von England und auch keiner von Deutschland. Es kamen aber zwei Briefe - aus Graz und Innsbruck. In Graz stand Maschinenbau und in Innsbruck Medizin zur Auswahl. Sobald der Vater die Antworten aus Österreich in Händen hatte, holte er mich aus dem Camp und sagte zu mir: „Du wirst im Ausland studieren“. „Nein, ich will ein Offizier sein“. Der Vater erwiderte jedoch, dass noch ein Militärangehöriger in der Familie nicht in Frage käme. “Als Kind“, so fuhr er fort, „ wolltest Du immer ins Ausland. Jetzt ist die Chance da, dir deinen Wunsch zu erfüllen – jetzt fährst du hin. So lange ich lebe werde ich dich immer unterstützen, du wirst alles bekommen, was du brauchst.“ Und so war es auch.
Am 8. November 1958 fuhren wir mit einem Schiff von Alexandria nach Italien. Die ganze Familie, dreißig Leute, waren da, um von mir Abschied zu nehmen und Glück zu wünschen. Vater hat als der ‚Weise Mann’ vor der ganzen Verwandtschaft zu mir gesprochen und gesagt: „So lange ich lebe, werde ich dich unterstützen. Du wirst mir eine große Freude machen, wenn du Dein Studium zu Ende bringst. Eines Tages, wenn Du keine Unterstützung mehr von mir kriegst, dann solltest Du wissen, dass ich nicht mehr am Leben bin. Dann ist die Zeit gekommen, dass Du, als ein auf sich selbst gestellter Mann, Dein Leben in die Hand nimmst.“
Am 13. November 1958 bin ich in Italien angekommen. In den fünf Tagen, die ich auf dem Schiff verbrachte, war ich sehr traurig und habe viel geweint. Das erste Mal in meinem Leben war ich von meiner Familie getrennt. Einige meiner zukünftigen besten Freunde habe ich auf diesem Schiff kennen gelernt. Sie waren, wie ich, das erste Mal im Ausland unterwegs um zu studieren. Fünf lange Tage wussten wir gar nicht was auf uns in einem neuen, ja fremden Land zukommen würde.
In dieser Zeit waren die Winter noch streng in der Steiermark bis 20, 30 Grad unter Null, mit viel Schnee. Es war meine erste Bekanntschaft mit dem Winter und der Kälte und selbst für Österreicher war es ein ungewöhnlich kalter Winter. Von Venedig nach Graz sind fünfzehn von uns mit dem Zug gefahren. Da haben wir zufällig einen Ägypter kennen gelernt, der auf jemanden gewartet hat. Er hat uns geholfen eine Unterkunft zu finden. Später habe ich erfahren, dass der Mann nur 24 Stunden vor uns nach Österreich gekommen war.
So begann ich mit dem Studium des Maschinenbaus. Von meinem Vater habe ich 60 - 100 Pfund monatlich bekommen. Das waren 7000 - 8000 Schilling und das war damals sehr viel Geld. Der Kulturkreis, dem ich in Kairo angehörte, war eigentlich gehobener als der Kulturkreis, den ich in Graz als Student vorgefunden habe. Die Studentenwohnungen waren sehr spartanisch ausgestattet. Das Ausland war mir irgendwie wie ein Traumland erschienen. Die Wirklichkeit räumte mit dieser Illusion allerdings schnell auf. Zum einen waren die kriegsbedingten Zerstörungen noch allgegenwärtig, das wirkte bedrückend. Andererseits fühlte ich, der ich noch nicht Deutsch konnte, mich nicht angenommen, ausgegrenzt, als Fremdkörper. Bald wusste ich, dass man uns ausländische Studenten gerne auch als “Kameltreiber” bezeichnete. Die Menschen hatten damals noch keinerlei Kenntnisse über “fremde Länder” bzw. die Nationen, aus welchen die in Graz studierenden sogenannten Kameltreiber stammten. Es gab ein paar hundert ägyptische Studenten in Graz. Wir hatten immer den Eindruck, nur eine mehr oder minder willkommene Einnahmequelle zu sein. Viele sind aber natürlich auch aus Heimweh wieder zurückgegangen.
1961 war ein wichtiges Jahr, da habe ich meine Frau kennen gelernt. Ich würde sagen, es war Schicksal, dass man als “ Fremder in der Fremde eine Fremde“ heiratet. Meine Frau kommt aus Ungarn. 1963 wurde unsere Tochter geboren.
In der Zwischenzeit hat sich die politische Lage in meiner Heimat verändert. Die durch die Verstaatlichung von 1962 hervorgerufenen dramatischen Umwälzungen machten auch vor meinem Vater nicht halt. Ab 1963 konnte ich kein Geld mehr von zuhause bekommen. Später erfuhr ich, dass mein Vater krank geworden war. Da wusste ich, dass der Moment ins Berufsleben einzutreten für mich gekommen war. So kam ich in die Firma Milchhof in Graz, zuerst im Zuge eines Ferienjobs, später war ich als Arbeiter beschäftigt.
Es war hart, eine Familie zu versorgen und gleichzeitig zu studieren. Als Student hatte ich immer viel Geld gehabt. Sobald das Geld weg war, waren die Freunde auch weg. So ist das Leben. „Ohne Geld ka Musi“, sagt man in Österreich. Dann habe ich alles verkauft um zu Geld zu kommen. Ich habe nie jemanden um eine finanzielle Unterstützung gebeten.
Ich habe etwas mehr als 1000 Schilling im Monat verdient. Im Vergleich mit dem Geld, das ich vorher von zuhause bekam, war das eine Katastrophe und es war sehr hart, diese Zeit finanziell aber auch seelisch durchzustehen.
Im Gegensatz zu dem was üblicherweise über die Ausländer gedacht wird, war ich in meinem ganzen Leben nie arbeitslos. Jetzt ist mir klar, dass ich auch meinen Beitrag für Wohlstand und Entwicklung der Stadt Graz durch die Jahre geleistet habe und ich habe auch, wie jeder andere Inländer, immer Steuer und Versicherungen bezahlt.
1967 hatte ich einen sehr schweren Unfall. Ich erinnere mich an eine damalige “Vision” die ich im Krankenwagen hatte. Es war mir, als trüge mein Vater mich und flüsterte mir zu: “ Es geschieht dir nichts, es geschieht dir nichts“. Das gab mir die Gewissheit, dass ich weiterleben werde. Später habe ich erfahren, dass genau zur gleichen Zeit mein Vater gestorben ist. Es ist, als sei mein Vater gleichsam auf telepathischem Wege zu mir gekommen, um mich zu trösten und mir ein letztes Mal etwas Gutes zu tun. Als ich dann die Nachricht vom Tode meines Vaters erhielt, habe ich mich entschieden mein Studium weiterzumachen. Ich wollte meinem Vater dadurch irgendwie nahe sein, denn er hatte ja immer gewollt, dass ich das Studium zum Abschluss bringe. Dieser erste, furchtbare seelische Schmerzen verursachende Kontakt mit dem Tod, an den man als junger Mensch ja nicht denkt, hat mich tief erschüttert.
In der Zwischenzeit haben wir unser zweites Kind bekommen. Das war schön und schwer zugleich. Die Kinder hatten viele Probleme in der Schule. Wenn irgendetwas vorgefallen war, waren meine Kinder schuld. Es waren nicht so viele Ausländer in den Schulen und eine gewisse Diskriminierung gab es immer, war Iatent vorhanden. Heute ist es umgekehrt. In manchen Schulen gibt es 90 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund.
Damals wusste ich noch nicht was sie machen sollten. Es war unglaublich schwer für meine Kinder eine gute Note zu bekommen. Es war nicht möglich weiter zu kommen. Wir wussten, dass irgendetwas nicht stimmte. Aber warum? Ich wollte nicht hier bleiben. Und doch bin ich geblieben. 1972 hat meine Frau unser drittes Kind bekommen. 1980 kam das vierte Kind.
Im Leben gibt es immer eine Gerechtigkeit. Im Milchhof Graz, wo ich 34 Jahre lang arbeitete, habe ich mich wie in einer Familie gefühlt. Ich habe viele Freunde gehabt. Der Abteilungsleiter war immer auf meiner Seite und hat stets versucht mir zu helfen.
Das Geld war immer knapp. Ich habe in Wetzelsdorf gewohnt und bin täglich zu Fuß in die Arbeit gegangen, um ein paar Schillinge zu sparen. Jeden Tag war es ein Weg von fünf bis sechs Kilometer. Es war schwer, aber es hat auch Freude gemacht.
1967 habe ich das Studium der Rechts- und Staatswissenschaft begonnen. Mit diesem Studium konnte ich gleichzeitig arbeiten und studieren. Um des Andenkens meines Vaters willen wollte ich unbedingt mein Studium fertig machen. In dem Betrieb hatte ich neben dem Studium als einfacher Arbeiter angefangen. Nach Beendigung meines Studiums 1974, habe ich als Kassier, danach in der Buchhaltung, und zuletzt in der Betriebsleitung gearbeitet. Während meiner beruflichen Tätigkeit habe ich promoviert. In der ganzen Zeit habe ich erfahren wie schwierig es für einen Fremden ist durchzukommen.
In dieser Zeit hat sich aber in Graz sehr viel verändert, Graz war schöner und offner geworden. 1974 erhielt ich die österreichische Staatsbürgerschaft. Graz wurde für mich zu meiner zweiten Heimat. Die Leute haben inzwischen auch das Leben im Ausland kennen gelernt, weil sie ihren Urlaub mehr und mehr im Ausland verbrachten.
Als ich 1958 hier ankam gab es schon seit 1957 einen Arabischen Studentenverein. In den siebziger Jahren habe ich mich durch einen Freund für den Verein interessiert. 1972 bin ich in den Verein eingetreten und habe aktiv mitgearbeitet. Durch die verschiedenen Aktivitäten haben sich auch die Freunde, die sich auf dem Schiff kennen gelernt hatten, wieder getroffen, aber auch andere Freunde aus früheren Studentenzeiten. 1981 habe ich den Verein übernommen und mir geschworen, alles in meiner Macht stehende zu tun, um den Menschen hier zu zeigen, dass wir Leute mit einem hohen kulturellen Hintergrund sind.
Mitte der 60er Jahre hat sich in Graz innerhalb des Vereins eine Gruppe gebildet, die sich um den Islamunterricht kümmerte und im Lauf der Zeit hat sich daraus das Islamische Zentrum entwickelt. Es waren Religionsunterrichtsstunden für uns Studenten, um uns in der Fremde nicht zu verlieren und um uns zu stärken. Die ägyptischen Christen haben sich ebenfalls zusammengeschlossen und heute haben sie auch eine schöne Kirche in der Wienerstrasse.
In der Zwischenzeit haben die Freunde, die ich damals, vor so langer Zeit, auf dem Schiff kennen lernte, Familien mit Österreicherinnen gegründet und Kinder bekommen. Durch den Verein wollte ich erreichen, dass sich die beiden Kulturen noch weiter kennen lernen und ein reger, sich stetig vertiefender, kultureller Austausch entsteht. Wir haben immer Angebote für Familien mit Kindern gehabt, haben Reisen organisiert, Kinderkurse angeboten und auch jedes Wochenende arabische Filme im Augarten Kino gezeigt. Im Kulturverein am Ostbahnhof habe ich immer alle arabischen, ägyptischen und islamischen Feste gefeiert und dazu österreichische Familien eingeladen, damit wir uns kennen lernen. Wir haben versucht, unsere Religion, unsere Weltanschauung und unsere Kultur den Österreichern näher zu bringen, aber natürlich auch an unsere Kinder weiterzugeben. Zum Ramadan waren alle bei uns herzlich eingeladen. Der erste Gedanke war, wenn wir alle zusammen harmonisch mitwirken, dann können wir uns besser präsentieren.
Es hat sich viel im Lauf der Zeit verändert. Unser Verein hieß am Anfang Arabischer Studentenverein. Später haben wir verschiedene Namen gehabt, wie sich auch durch die Zeit unsere Ziele verändert haben und unsere Umgebung. Wir hießen zum Beispiel Ägyptische Gemeinschaft, auch Ägyptischer Kulturklub.
Zweimal im Jahr haben wir geplante Reisen organisiert. Wir wollten die Freundschaft unter den Mitreisenden sich entwickeln lassen, Familien und Kinder miteinander verbinden. Die Reisen waren immer gut besucht. Wir sind mehrmals nach Ungarn und Italien gefahren. Für die in den folgenden Jahren nachkommenden Landsleute haben wir Reisen in Österreich organisiert, damit sie ihre neue Heimat kennen lernen konnten. Durch unsere Reisen haben sich Österreicher und Ägypter besser kennen gelernt und sind Freunde geworden.
Mit den Kinderfreunden Steiermark haben wir zusammengearbeitet, wir haben versucht, die Verantwortlichen für Jugendliche von Ägypten nach Graz einzuladen, um die Erfahrung der Verwaltung hier in Österreich und in organisatorischer Weise zu verbreiten. In den 80er Jahren haben wir Ferien für Kinder aus Ägypten in Österreich organisiert, als Austausch in Zusammenarbeit mit den Kinderfreunden und dem Landesjugendreferat Steiermark. Einmal haben wir es geschafft, einen Urlaub für sog. Müllkinder aus Ägypten zu organisieren. Wir haben auch eng mit der Ägyptischen Botschaft zusammen gearbeitet und für viele Leute sehr unterschiedliche Probleme gelöst.
Im Jahr 1980 ist eine neue Welle von ägyptischen Migranten angekommen. Die wollten arbeiten und nicht studieren. Auch sie haben inzwischen Familien gegründet. Die Integrationsprobleme haben sich von meiner Zeit bis in die 1980er Jahre nicht sehr verändert. Es sind immer die gleichen: Sprachprobleme, Probleme mit Kindern in der Schule, mangelnde Information. Und deswegen konnten wir unsere Erfahrungen an die Neuankommenden weitergeben. Wir haben ihnen geholfen und immer haben wir versucht, ihnen Wege zu zeigen, höflich zu sein, nützliche Informationen zu geben. Jetzt gibt es zwei- bis dreitausend Ägypter in Graz, die die österreichische Staatsbürgerschaft haben und dazu nur noch ungefähr 600 ohne Staatsbürgerschaft. Mit den Neuankömmlingen haben wir eine Fußballgemeinschaft gegründet. Es war auch ein Weg, durch Sport Freunde zu gewinnen und den Österreichern näher zu kommen. Wir haben in dem Verein versucht Menschen zu helfen, eine gute Position in der Gesellschaft zu finden. Aus der zweiten Generation gibt es viele hoch ausgebildete Leute. Unser Ziel war es auch, den ägyptischen Migranten zu helfen, Österreich als neue Heimat kennen zu lernen und sich gut zu integrieren.
Aus meiner Lebenserfahrung heraus würde ich sagen, dass es am wichtigsten ist, jeden Menschen ernst zu nehmen. Es macht nichts, was für einen Namen, oder was für Hautfarbe ein Mensch hat, man muss ihn im Bewusstsein, dass wir alle unsere Fehler und Schwächen haben, als Menschen achten, ihm die Hand reichen, ihm Hilfe gewähren wann immer es nötig ist und auch bereit sein von ihm zu lernen. In der zweiten oder dritten Generation kann auch ein Österreicher mit ägyptischen Wurzeln wichtige politische Ämter innehaben. Das wird sich in ferner Zukunft zeigen.
Ein Text von Dr. Talaat El-Kholy, Ägyptischer Kulturklub ------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21
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Ante Repusic wurde im Jahr 1960 in dem Dorfe Runovici bei Imotski im Süden Kroatiens geboren. Er machte immer Scherze über sein Geburtsdatum und erzählte die Geschichte des Familiendisputs in diesem Zusammenhang, denn einige Familienmitglieder erinnern sich, dass er an dem als Geburtsdatum genannten Tag bereits 12 oder 13 Tage alt gewesen sei. Aber damals, in den frühen 1960ern, wurde im Dorfe Runovici der Zeitablauf etwas anders gemessen als an anderen Orten. Und anders als heute.
In Runovici besuchte Ante die Volksschule und verließ danach da Dorf. Er wollte Priester werden. Obwohl es nicht dazu kam würde ich, der ihn in der letzten Dekade seines Lebens kannte, sagen, dass er irgendwie für diese Arbeit prädestiniert war, nämlich für Menschen da zu sein, ihnen beim täglichen Überleben zu helfen, aber auch sich um ihre Seelen zu sorgen.
Nach dem Besuch des Franziskaner-Gymnasiums und nach Absolvierung des Militärdienstes, der in Jugoslawien obligatorisch war, verbrachte Ante mehrere Jahre im Franziskanerkloster in Karlobag und anschließend im Kapuzinerkloster in Makarska. Nach Beendigung seines Theologiestudiums sollte er zum Priester geweiht werden.
Als junger Mann, aber auch später, hat er Ereignisse nie als selbstverständlich genommen, sondern war immer bemüht, die Dinge noch zu verbessern. Obwohl er sich innerhalb der Kirche zuhause fühlte, hatte er in seinen frühen 20ern bereits sehr progressive Gedanken. So veröffentlichte er unter einem Pseudonym in einem von der kroatischen Kirche autorisierten Magazin einen kritischen Text das Zölibat betreffend und bejahte dort auch die Frage zur Ordinierung von Frauen als Priester. Als der Abt seines Klosters herausfand, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg, war Antes Anwesenheit in dem Kloster nicht mehr erwünscht. Das war die größte Enttäuschung seines Lebens, die er nie verwinden konnte.
Um sein Theologiestudium mit der Erlangung des Doktor-Titels fortführen zu können, was in seinem Heimatland nicht möglich war, kam Ante 1988 nach Graz, womit für ihn eine harte Zeit begann. Um in der neuen Umgebung, wo er noch keine Freunde hatte, überleben zu können, zu studieren und eine österreichische Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, machte Ante alle möglichen, meist physische Arbeiten und es gab immer wieder Tage, an denen er nicht einmal etwas zu essen hatte.
Ungefähr ein Jahr später lernte ich Ante durch Freunde kennen. Seit dieser Zeit waren wir mit einander verbunden. Gemeinsam mit Freunden halfen wir, dass er den Studentenstatus sowie Jobs bekam. Er war freundlich, offen, dynamisch und fröhlich. Er war ein optimistischer Mann, immer bereit mit Freunden zu sein und konnte Menschen zum Lachen und Fröhlichsein bringen. Doch gleichzeitig war Ante fürsorglich und äußerst sensibel. Er war ein subtiler Poet und Maler.
Als Ante begann seine Doktorarbeit zu schreiben, verliebte er sich und heiratete. Um Formalitäten hat er sich nie gekümmert und hat sich keine Gedanken gemacht über unwichtige Details. Beispielsweise trug er bei seiner Hochzeit Tennisschuhe. Ich liebte ihn für diese Seite seines Charakters. Was wirklich wichtig war, das wusste er.
Im Jahr 1991 begann der Krieg in Kroatien, das seine Unabhängigkeit erklärt hatte und von der jugoslawischen Armee angegriffen wurde. Gemeinsam mit Ante und unserem Kollegen Rade Lukic gründeten wir einen Kroatien-Stammtisch als Treffpunkt für kroatische Intellektuelle in Graz. Jede Woche trafen sich etwa 30 Leute am Lendplatz. Wir organisierten Antikriegsdemonstrationen zu Beginn des Krieges und engagierten uns, Kroatien und den Flüchtlingen zu helfen, die nach Österreich kamen. Am 5. Dezember 1991 kam ein Flüchtlingszug aus Vukovar an, der Stadt, die seit Wochen unter Beschuss war, und wir halfen diese Menschen unterzubringen. In all diesen Aktionen war Ante mit seinem ganzen Herzen eingebunden.
Im selben Jahr, 1991, wurde Ante von der Caritas angestellt als Lehrer der deutschen Sprache bei Integrationskursen. Der Job war zwar gut bezahlt, dauerte aber nur einige Monate. Doch Ante befreundete sich mit seinen Vorgesetzten bei der Caritas und da der Krieg in Kroatien weiter ging und der Krieg auch in Bosnien begann, kamen immer mehr Flüchtlinge und die Caritas benötigte Leute, die zu diesen eine Verbindung herstellen konnten. So begann 1992 Antes Karriere bei der Caritas und in den folgenden Monaten wurden auch einige seiner Freunde dort angestellt. Einer davon war ich.
Kurze Zeit später wurde er Leiter eines Flüchtlingslagers an einem entfernten Ort in den Bergen – 900 Meter hoch gelegen, mit 500 Bewohnern. In dieser Position verbrachte Ante die letzten Jahre seines Lebens. Dieses Flüchtlingslager hatte einen schlechten Ruf, weil dorthin Leute geschickt wurden, die in anderen Lagern Probleme gemacht hatten, Leute die schwierig zu behandeln waren. Doch Ante half diesen Menschen. Für ihn war nichts zu schwierig. Er war ihr Krankenwärter, ihr Richter, ihr Lehrer und ihr Freund. So ein Job ist emotional und körperlich äußerst fordernd und erschöpfend und nach fünf Jahren, in denen er dort tätig war, wurde er sehr krank.
Immer freundlich, äußerst freimütig und offen im Umgang mit Menschen jeglicher sozialer Herkunft machte Ante Freunde wo immer er hinkam. Durch diese Caritas-Arbeit traf er mit Polizeioffizieren zusammen, die über den legalen Status von Flüchtlingsfamilien zu entscheiden hatten, ob und unter welchen Umständen ihr Verbleib in Österreich möglich ist. Und genau hier hatte Ante die größten Erfolge in seinem Leben. Durch seine Freunde bei der Polizei konnte er das Schicksal vieler Familien beeinflussen. Er engagierte sich für jeden einzelnen Fall und kämpfte für jeden einzelnen Fall. Ich war immer überrascht, mit welchem Enthusiasmus und welcher Kraft er das tat und wie er seine Verbindungen gebrauchte, um den Flüchtlingen einen Status in Österreich zu beschaffen.
Ante starb im Alter von 39 Jahren. Er war selbstlos im Geben, immer den Menschen helfend mit guten und ermutigenden Worten und er konnte die Menschen durch seine Fröhlichkeit aufheitern indem er sang und Witze erzählte. Er hat viele Gedichte geschrieben, von denen aber nur vier veröffentlicht sind. Er malte viele Bilder, die jetzt bei seinen Freunden hängen. Ante Repusic war Theologe, er war ein Mann der Priester sein wollte und es nie wurde. Er war ein großartiger Mensch und seine Größe haben diejenigen erkannt, die ihn als einen Leiter der österreichischen Caritas getroffen haben – Menschen die Hilfe brauchten und von ihm gehört wurden.
Berichtet von Norbert Zsifkovits, Österreichisch-Kroatische Initiative --------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21
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Vor sieben Jahren lernte ich Pawan Kohli kennen: Er interessierte sich für einen Yoga-Lehr-Ausbildungskurs (den ich alljährlich anbiete), und es ergab sich, dass er in den laufenden Kurs noch einsteigen konnte. Pawan, der ja in seiner indischen Heimat schon mit Yoga in Berührung gekommen war, erwies sich von Anfang an als gelehriger und lernbegieriger Yoga-Schüler und konnte im Sommer 2000 die Ausbildung zum Yogalehrer mit ausgezeichnetem Erfolg abschließen.
Wollen wir uns nun der Frage zuwenden, was den lieben Pawan, der im Frühjahr 1965 in Jammu, im Norden Indiens, geboren wurde und in Delhi, der Hauptstadt Indiens, aufwuchs, dort Betriebswirtschaft studierte, was ihn also dazu trieb, mit 20 Jahren nach Österreich zu kommen? Eine ganz einfache und einleuchtende Antwort hat der Sohn einer Lehrerin und eines Bankmanagers parat: Weiterbildung! Von Kindesbeinen an begeistert für alle Formen der Musik, suchte Pawan, ebenso wie in jungen Jahren in seiner indischen Heimat, später dann in Österreich sein musikalisches Talent zur vollen Blüte zu bringen. In Bad Hofgastein gab es zwar keine Jazz-Akademie, aber eine sehr bekannte Hotelfachschule, die er bis 1990 besuchte. In diesem Jahr zog Pawan nach Graz, wo er in den folgenden Jahren drei Lokale und dazu noch ein Geschäft für indische Kunst führte.
An dieser Stelle darf ich anmerken, dass ich von Pawan sehr stark den Eindruck habe, dass ihn die Beschäftigung mit Gastronomie allein nicht zufrieden stellen kann, und er auf der Suche nach kultureller und spiritueller Betätigung ist. So war es nur konsequent und logisch, dass er die Indisch-Österreichische Gesellschaft für Kultur und Freizeit mit Sitz in Graz gründete. Diese Gesellschaft, die als Verein geführt wird, verfolgt das Ziel, den ÖsterreicherInnen die indische Kultur, Kunst, Musik und Küche etwas näher zu bringen. Mit Veranstaltungen wie musikalischen Darbietungen, Tanzvorführungen, Präsentation von Filmen und einem umfangreichen Kursangebot (Kochen und Gewürzkunde, Astrologie, Yoga, Mantrasingen, Ayurveda, und Sprachen wie z. B. Hindi, Deutsch und Englisch) soll dieses Ziel erreicht werden.
Wenn man mit Pawan über seine Aktivitäten und Träume spricht, über seine Intentionen und darüber, was er bislang erreicht hat, so kann man sich das Eindrucks nicht erwehren, dass ihn eine fruchtbare Unzufriedenheit antreibt, dass er bei all seinem Engagement noch viel mehr machen möchte, weil er spürt, wie viel noch getan werden kann und muss, um wirklich und tatsächlich den Anspruch der Kulturvermittlung zu erfüllen, obwohl seine Aktivitäten allgemein sehr geschätzt werden - immerhin ist die Indisch-Österreichische Gesellschaft als eingetragener Verein der einzige in Österreich. Und obwohl Pawan als Botschafter indischer Kultur unbestritten schon sehr viel erreicht hat, meint er, dass dies alles noch nicht genug ist.
Diese Unzufriedenheit mit dem jeweils Erreichten lässt sich nur so erklären, dass Pawan immer nach Weiterbildung strebt. Und es braucht auch engagierte Menschen, wenn in der Kulturarbeit etwas weiter gehen soll. Derzeit aktuell ist die Einrichtung der Bibliothek, eine Arbeit, die von einer Person mit großem Idealismus vorangetrieben wird, die gleichzeitig Hotelkaufmann, Musiker, Vereinsobmann, Generalsekretär des Grazer Cricket Clubs, und Dolmetscher ist. Einen großen Raum nimmt seine Arbeit als Kulturvermittler in einem ganz besonderen Feld ein: Pawan ist stets bereit, Neuankömmlingen und Touristen aus Indien zu helfen, sich in Graz besser zurecht zu finden. Er gibt aber auch gerne Tipps für Indienreisende.
Beinahe unglaublich, dass Pawan bei all dem, was er tut, noch Zeit findet, seine Rolle als Gatte seiner Frau Smriti und Vater seiner sechsjährigen Tochter Agni wahrzunehmen. Von beiden sind jedenfalls keine Klagen zu hören: Beiden geht es gut. Also dann, lieber Pawan, mach' so weiter!
Ein Text von Herbert Fuchs, Indisch-Österreichische Gesellschaft ------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21
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Ich bin seit fast sechs Jahren in Österreich, bin 35 Jahre alt und habe drei Kinder. In Bolivien habe ich meinen Mann vor mehr als sechs Jahren kennen gelernt. Nach 14 Monaten war ich mit meinem Mann verheiratet. Seitdem bin ich in Österreich. Mein Mann ist Pensionist. Er war als Tourist in Bolivien.
In den ersten zwei Jahren hatte ich großes Heimweh. Ich hatte ziemliche Depressionen und war traurig. Ich wollte wieder zurück nach Hause. Damals hatte ich wirklich eine schwere Zeit. Sogar heute nach sechs Jahren spreche ich deutsch noch nicht fließend. Mir ist es nicht möglich ein bisschen komplexer zu sprechen. Ich kann nur sehr einfache Dinge sagen. Ich verstehe auch nur sehr wenig. Zu wenig, um guten Kontakt zu anderen Leuten zu haben. Und das ist mein großes Problem. Ich kann fast keine sozialen Kontakte pflegen. Ich bin isoliert. Es ist extrem schwer für mich, hier zu leben.
Meine ganze große Familie ist in Bolivien. Ich, mein Mann und die Kinder sind hier. Ich finde es schwierig, vom Rest meiner Familie getrennt zu sein. Ich vermisse sie. Ich habe einige Freunde hier. Einige sind aus Bolivien, aber die meisten sind ÖsterreicherInnen.
Momentan arbeite ich nicht, da ich im Mutterschutz bin. Ich habe ein Neugeborenes. Bevor das Kind geboren war, arbeitete ich in einem Studentenheim. Ich putze und kümmere mich, dass alles dort in Ordnung geht. In Bolivien arbeitete ich als Sekretärin in einem Spital und dann in einem Schuhgeschäft. Danach arbeitete ich in einem Blumengeschäft. Mein letzter Job dort war, eine ältere Person zu betreuen. Ich würde sagen, dass meine Arbeitssituation in Bolivien besser war. Mein Arbeitsplatz war sehr gut in Bolivien. Aber ich bin auch hier zufrieden, obwohl es hier immer sehr viel Arbeit gibt, viel Geschirr zu spülen.
Für mich wäre es besser in Bolivien zu wohnen, aber nicht für meinen Mann. Er würde sich dort nicht wohl fühlen. Das Leben ist so unterschiedlich von dem hier. Mein Mann kommt sehr gerne auf Besuch nach Bolivien, aber er würde nie dort leben. Es würde ihm nicht gut tun.
Mein Land ist sehr weit weg von hier. Fünfundzwanzig Stunden mit dem Flugzeug. Wie auch immer, wir gehen jedes Jahr dorthin auf Besuch. Es ist sehr teuer, dorthin zu fliegen. Es kostet im Sommer 1500 Euro pro Person. Die Kinder zahlen auch. Für den fünfjährigen ist es 900 Euro und der fast fünfzehnjährige muss ganze 1500 Euro zahlen.
Mein fast fünfzehnjähriger Sohn Jhonatan spricht sehr gut deutsch. Das Baby ist jetzt zehn Wochen alt, ein Mädchen, Gloria Lucia. Sie wurde am 14. Mai 2007 geboren mit 3 Kilo 200 Gramm. Das fünfjährige Kind ist ein Bub, heißt Luis Antonio.
Wenn ich auf diese fünf vergangen Jahre in Österreich zurückblicke, gibt es gute und schlechte Dinge. Nicht gut ist meine Sprache. Ich spreche nur ein bisschen. Sehr wenig Kontakt zu Leuten habe ich. Das ist mein Problem.
Die Leute in Österreich? Meine Freunde waren immer sehr gut zu mir, und die anderen Leute – unterschiedlich, würde ich sagen. Manchmal sehr freundlich, manchmal gar nicht, manchmal rassistisch. Nicht sehr. Ich habe sehr wenig Rassismus erlebt und das nur von Lateinamerikanern, die hier leben.
Was ich sehr gerne hier mag, wo wir leben, ist die Natur, unser Kontakt mit der Natur. Hügel, Schönheit. Mir haben Städte nie gefallen, oder große Städte, aber das Leben außerhalb der Stadt gefällt mir sehr. Ich mag unser Heim.
Nach einem Interview mit Monika Orozco Saavedra ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21
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Ich bin 1967 in Mexico-City geboren. Mit 29 Jahren, bin ich nach Österreich gekommen. Die Liebe hat mich nach Graz geführt.
Meine Frau hat gemeint sie bleibt bei mir weil ich kochen kann. Wir machen alles im Haushalt halbe-halbe. Das habe ich von meiner Mutter gelernt. Sie hat mich so erzogen. Auch mein Vater hat es so gemacht, hat immer geholfen.
Nachdem ich schon drei Jahre mit meiner - damals noch - Freundin in Cancun gelebt habe, habe ich meine Bar und meine Diskothek dort verkauft. Mit diesem Geld habe ich am Anfang hier gelebt. Am Anfang habe ich gemalt und drei Ausstellungen gehabt. Ich liebe auch den Tanz und hatte noch in Mexico eine Ausbildung zum Choreografen gemacht. Da hat mich das Lateinamerika-Institut gefragt, ob ich Tanzstunden geben möchte. So hat alles begonnen, und dadurch bin ich in Graz bekannter geworden. Dann gewann ich 2002 in Italien, in Rimini, einen Wettbewerb mit Daniela Kummer. Seitdem habe ich noch mehr Aufträge bekommen und bin alle zwei, drei Monate in Deutschland oder in der Schweiz oder in Italien oder in Polen und unterrichte auch dort bei Salsa-Kongressen.
Meine erste Unterrichtsstunde beginnt um 10 Uhr in der Früh und ich höre um 22 Uhr auf. Von Montag bis Montag. Ich habe auch eine eigene Tanzgruppe, die "Rhythmus Latinos", und wir treten quer durch Österreich auf. Die Salsa-Szene, oder auch die Latino-Szene in Graz ist sehr groß. Viele Geschäfte und Lokale veranstalten einmal pro Woche einen Salsa-Abend. Viele Salsa-Trainer treffen sich dort und wir machen einfach unsere Arbeit. Jeder macht halt selber Werbung für seine eigenen Schulen.
Es gibt viele Latino-Künstler hier in Graz wie Carlos Escobar Pukara aus Peru mit seiner bekannten Gruppe oder Ismail Barrios. Wir haben auch mehrmals zusammen gearbeitet. Jedes Mal, wenn wir uns treffen, ist das eine gute Möglichkeit, etwas zusammen zu machen und nicht nur ein Land, sondern ganz Lateinamerika zu präsentieren und zu zeigen, dass die Latinos hier glücklich sind.
Ich habe noch die mexikanische Staatsbürgerschaft. Man hat natürlich mehr Sicherheit mit der österreichischen Staatsbürgerschaft, aber ich zahle alle Steuern und ich bin mein eigener Unternehmer.
Manchmal träume ich halb in mexikanisch und halb in deutsch, manchmal sind die Orte in Mexiko aber die Sprache ist deutsch. Und manchmal träume ich von dem Haus, wo ich vor fünfundzwanzig Jahren gelebt habe, aber die haben dort deutsch gesprochen. Ich fühle mich jedoch ganz als Mexikaner, auch wenn ich kein reiner Mexikaner bin. Meine Großeltern sind aus Sizilien nach Mexiko geflüchtet und haben dann ihr ganzes Leben dort verbracht. Heimweh habe ich nicht. Als ich fünfzehn war bin ich von zuhause weggegangen. Ich fühle mich nicht an einen Ort gebunden.
Wegen meiner Arbeit kann ich mir keine Kinder erlauben. Zum einen bin ich alle zwei Monate in einem anderen Land und meine Frau ist auch meine Tanzpartnerin. Wenn wir Kinder hätten, dann müsste eine/r zu Hause bleiben.
Von Mexiko herzukommen ist nicht so billig. Für Leute, die keine Ausbildung haben oder arm sind, ist es billiger in die USA zu gehen. Die Leute die nach Europa kommen haben ein anderes Niveau. Wenn man aber nur 700 oder 800 $ hat, geht man eher in die USA und arbeitet auf den Plantagen oder so. Hier ist es ganz anders.
Ich bin Christ, katholisch getauft, aber das hat nur teilweise Wichtigkeit für mich. Etwas anderes ist für mich sehr wichtig geworden. Ich hatte einen lebensbedrohlichen Unfall und war acht Monate im Krankenhaus. Danach musste ich nochmals gehen lernen. Nach dem Unfall habe ich eine Schamanin getroffen, die mich in die Kunst des Schamanismus eingeführt hat. Sie hat mir den ganzen Glauben näher gebracht. Die Mayas leben einfach so, respektieren die Natur, und versuchen nicht böse zu den anderen zu sein, um nicht Böses zurück zu bekommen. Du bist dann auf der Ebene, wo du im Einklang mit der Natur und mit dir selber und mit den anderen Menschen bist. Seitdem ich sozusagen das Licht im Tunnel gesehen habe, fühle ich mich manchmal glücklich, auch wenn ich nicht weiß warum.
Meine Familie hat nicht viel Geld. Das heißt sie können kein Ticket bezahlen. Wenn möglich, bin ich einmal im Jahr in Mexiko. Im September kommt meine Mutter, weil sie noch einmal sehen möchte wie ihr Sohn lebt. Ich habe noch zwei Brüder. Beide unterstützen, wie auch ich, meine Mutter mit Geld. Wir haben für meine Mutter das Haus gekauft, sodass sie, wenn sie in ein Pflegeheim muss, durch das Haus ein bisschen Geld dafür hat. In Lateinamerika halten die Familien sehr stark zusammen. Meine Frau, mit der ich jetzt seit acht Jahren verheiratet bin, versteht das nicht so wirklich. In Österreich zahlen eher die Eltern für ihre Kinder, unterstützen sie.
Von Mexico-City, von einer 33-Millionen-Stadt in eine kleine Stadt wie Graz zu wechseln ist wie ins Paradies zu kommen. Man hat im Bus oder in der Straßenbahn Platz, niemand schubst dich. Nicht so in Mexico-City, wo man mit hundert Menschen um einen Platz kämpfen muss. Graz ist eine kleine Stadt, hat aber alles was man braucht.
Mein Bild, das ich von Europa hatte bevor ich gekommen bin, war, dass es immer Schnee gibt, denn ich habe viele Filme über Europa gesehen. Von England habe ich immer Nebel und Regen in den Dokumentationen gesehen. Und als ich ankam war es Mai und sonnig und heiß. Hier ist alles gemütlich – das Einzige auf was man achten muss: Man muss hier pünktlich sein.
Bis jetzt war noch nie jemand unfreundlich zu mir. Manchmal sind die Leute mit dem falschen Fuß aufgestanden und wenn sie dann auf die Straße gehen sind sie zu dem Ersten, dem sie begegnen,unfreundlich. Aber ich habe wirklich nicht das Gefühl, dass ich nicht willkommen bin in Österreich. Ich bin noch nie von der Polizei kontrolliert worden. Und obwohl ich wie ein typischer Latino ausschaue habe ich noch nie eine rassistische Konfrontation gehabt.
Mein Wunsch, den ich seit langem habe: Ich möchte die Kultur meines Landes vermitteln. Wir haben ein Land mit vielen Kulturen: der Mayas, Azteken, Olmeken… Kulturen, die der Kapitalismus unterdrückt hat. Leider ist es für manche Mexikaner eine Beleidigung zu sagen „Du bist ein/e Indigen/a“. Allerdings, wenn mir das vor zwanzig Jahren jemand gesagt hätte, wäre ich auch böse gewesen. Aber jetzt fühle ich mich stolz, weil es zeigt, dass ich aus einem mit einer großen Geschichte Land komme. Mit der Musik zeige ich den Leuten wie sie sich bewegen müssen. Ich versuche ihnen zu erzählen, dass hinter dieser Musik, hinter diesen Bewegungen eine Kultur, eine politische Kultur, ein kultureller Aspekt steht, verbunden mit vielen Ländern: mit Kuba, Porto Rico, Mexiko, Kolumbien. Ich möchte immer etwas von meinem Land weiter geben, von meinem Land erzählen.
Nach einem Interview mit Francisco Santiago Niño transkribiert ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21
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Dies ist die Geschichte einer Frau, die ich gut kenne. Ihr Name ist Grace. Sie ist ein Zwilling und ihre Schwester und ihre Mutter sind aus einem königlichen Haus – beide sind Krankenschwestern. Die Mutter von Grace zog ihre Kinder auf ohne die tägliche Gegenwart des Vaters. Ihn sah Grace nur gelegentlich und entwickelte allmählich einen Hass auf afrikanische Männer, die mehr als eine Ehefrau hatten. Später wollte sie dann ihren wohlhabenden Ehemann auch nicht mit anderen Frauen teilen. Also ließ sie sich nach der Geburt ihres Sohnes David scheiden. In ihrer Familie hat es immer Hauspersonal gegeben – arme Afrikanerinnen aus der Nachbarschaft. So war es für Grace nie notwendig, irgendwelche Hausarbeiten oder sonstige manuelle Tätigkeiten zu machen. Sie wurde Chemielehrerin.
Ihr Leben änderte sich mit ihrer Reise nach Deutschland. Als ihr Sohn David drei Jahre alt war musste sie sich einer Augenoperation unterziehen, die sie in Deutschland durchführen ließ. Dort traf Grace Frauen aus ihrer Heimatstadt, die ihre Sprache sprachen. Es war eine Sprache, die man im Hause ihrer Mutter eigentlich nicht verwendete, sondern eher in der Öffentlichkeit.
Nachdem sie nun in Deutschland war und auch beeinflusst von den Afrikanerinnen, die sie dort traf, entschloss sie sich als Flüchtling zu bleiben, was allerdings aus rechtlichen Gründen bald unmöglich wurde. Ihre in Wien lebenden Brüder arrangierten eine Heirat mit einem Österreicher. So kam sie nach Graz auf der Suche hier ihr Glück zu machen – um in einer Fabrik oder vielleicht als anmutige Frau in einem Restaurant oder Büro zu arbeiten.
Zehn Jahre ist Grace in Europa als Arbeiterin tätig in Jobs, die sie in ihrem Heimatland nie angenommen hätte. Sie verließ einen dreijährigen Sohn und betet täglich, dass sie endlich die österreichische Staatsbürgerschaft bekommen möge, um den inzwischen Dreizehnjährigen nach Graz bringen zu können und ihm eine österreichische Erziehung zu ermöglichen.
Viele Buben und Mädchen, auch solche die hier geboren sind, leben mit ihren Eltern wie auf einer Brücke zwischen Österreich und Afrika: physisch in Graz aber mental und emotional in der Stadt oder dem Dorf im weit entfernten Afrika. Sie hören die langen Telefongespräche mit den Familien dort, die sich Geld aus Europa erhoffen und sie schauen Satelliten-TV und hören CDs, wo sie Vertrautes sehen und vernehmen können.
Grace hatte zunächst die Idee einen Beruf in der Kinderpflege zu erlernen, entschied sich dann aber dagegen. Grace brach weiters einen Kurs in Altenpflege in einem Altersheim ab, weil sie Schmerzen im Rücken und den Beinen hat. Sie arbeitet noch immer in einer Fabrik und betet für den Erhalt der Staatsbürgerschaft. Über österreichische Geschichte, Kultur oder Politik weiß sie wenig. Ihr Ziel ist es, ihren Sohn nach Graz zu bringen, denn sie möchte, dass er eine europäische Erziehung und einen europäischen Lebensstil lernt. Obwohl sie selbst wenig über diesen für sie neuen Lebensstil weiß, möchte sie, dass ihr Sohn diesen Vorteil bekommt.
Zwar weiß Grace, dass viele ihrer Verwandten und Freunde nun in London leben seit sie die österreichische Staatsbürgerschaft haben. Doch möchte sie selbst nicht nach London ziehen nachdem sie hörte, dass London sehr teuer und schmutzig sei. Die Afrikaner scheinen dort in Slumgebieten zu leben und ihre Jobs sind auch nur manuell. Grace hat gehört, dass das Englisch welches sie spricht, nicht das britische Englisch sei. Also wäre es wegen ihres afrikanischen Englisch nicht möglich, einen besser bezahlten Job in London zu bekommen und auch nicht in Graz, weil ihr auch ein perfektes Deutsch fehlt.
Grace liebt es, im Fernsehen afrikanische Filme anzuschauen. Sie hat Kabel-TV und sieht Nachrichten und Shows aus ihrem Heimatland. Sie liest Romane in englisch und interessiert sich für deutsche Frauenmagazine. Sie kocht gern zu Hause da sie die österreichische Küche nicht so sehr mag. Sie isst keine Meerestiere und kein zartes Fleisch, weil sie gewöhnt ist, dass Fleisch gekocht und gebraten werden muss bis zu dem Punkt wo man es nur nach langem Kauen schlucken kann. Sie glaubt, langes Kauen macht die Zähne stark. Gern bleibt sie abends lang auf um fernzusehen und wenn sie einen freien Tag hat genießt sie es morgens lang zu schlafen. Es freut sie, mit anderen Frauen in ihrer Muttersprache „edo“ reden zu können. Sie unterhalten sich dann über Kochen, Kindererziehung, nicht aber über persönliche Dinge, weil sie Angst haben vor schlechten Nachreden. Wann immer etwas Negatives passiert überschwemmen diese Nachrichten die afrikanische Gemeinschaft.
Grace ist sich bewusst, das Mädchen automatisch unter den Knaben stehen und dass dagegen nichts getan werden kann. Wenn in Afrika die Eltern nicht alle ihre Kinder am Schulunterricht teilnehmen lassen können, weil das Geld für Unterricht, Uniformen, Bücher etc. fehlt, dann werden nur die Buben zur Schule geschickt. Mädchen brauchen keine Schule, weil sie sowieso heiraten und Kinder haben werden. Die Anführer sind ja immer Männer. Jede Frau hat ein Kind zur Welt zu bringen, um als Frau angesehen zu werden, und für die Familie des Ehemanns ist es besser einen Knaben zu bekommen. Mädchen sind einfach nicht wichtig. Grace hat erfahren, dass ÖsterreicherInnen ein anderes Leben führen. Sie ist aber nicht sicher, welcher Lebensstil für sie selbst besser ist.
In einem Deutschkurs, an dem Grace teilnahm, hat sie gelernt, dass eine Lebensplanung ein Tagebuch bzw. einen Kalender und Ziele einschließt und zwar täglich, wöchentlich, monatlich, was zum Erfolg einer Jahresplanung führen kann. In ihrer Heimat war so etwas nicht üblich, nicht einmal eine Planung für das nächste Jahr oder gar für den nächsten Monat. Man wartet einfach was passiert. Wenn etwas Gutes geschieht, dann wird es als gut genommen und wenn es etwas Schlimmes ist, dann ist es Schicksal – gut oder böse.
Grace betet für positive Ergebnisse und bittet, von Schlimmem und Negativem verschont zu bleiben. Ihren Erfolg für die Zukunft sieht sie nur in einem Erfolg ihres Sohnes. Sie weiß, dass in der Zukunft ihr Leben abhängen wird von diesem Sohn, der für sie sorgen sollte wenn sie selbst dafür zu alt ist. Grace sagt, sie kenne nur die Verantwortung für ihr Leben. Hobbys oder Ähnliches kennt sie nicht. Vergnügen findet sie im Essen, im Tanzen, in Gesprächen mit Menschen und darin, Filme zu sehen. Grace lebt ein Leben von einem Tag zum anderen – und macht sich Sorgen. Ja, sie sorgt sich wie sie genügend Geld verdienen kann für sich, ihre Bedürfnisse und Rechnungen, und gleichzeitig für die Familie zu Hause und ihren Sohn. Manchmal sorgt sie sich um ihre Zukunft. Sie betet täglich um ihre Staatsbürgerschaft. Die meisten ihrer Sorgen drehen sich ums Finanzielle. Abgesehen davon ist Grace glücklich. Vielleicht weiß Grace nicht wirklich was Glück bedeutet. Aber sie sagt, sie sei glücklich.
Ein Text von Vaeda Stoff, Liste Interkulturelle Frauen --------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21
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Es ist mir eine große Ehre, Ihre Aufmerksamkeit auf eine junge Frau zu lenken, um an sie zu erinnern und sie zu ehren, die eine von uns war, ein Mitglied der Afrikanischen Gesellschaft in Graz.
Sophie F. wurde im Jahr 1977 in Nigeria in der Stadt Benin geboren.
Sie war ein gutes Kind und eine Freude für ihre Eltern. Sie war gut aussehend und sehr freundlich und sympathisch.
Sophie kam nach Österreich, um ein besseres Leben haben zu können.
Hier in Graz heiratete sie ihren Freund, einen gut aussehenden, jungen Afrikaner. Mit ihm war sie glücklich. Beide arbeiteten schwer, hatten viele Pläne und wünschten sich ein Kind.
Sophie fand einen Job in einer der Lederfabriken in Gleisdorf, wo auch ihr Mann arbeitete. Sie war gewissenhaft und arbeitete hart und klagte nie. Sie glaubte fest an ein gutes Leben in der Zukunft. Sie hatte Hoffnung.
Ich sah Sophie das erste und letzte Mal bei einem Gottesdienst im ‚House of Prayer Mission’ in Graz. Sie war eine sehr elegante junge Dame. Ganz dunkel. Braune Augen. Aus einer guten christlichen Familie. Sie war 29 Jahre alt.
Am nächsten Tag war ich abends zu Hause und gegen 20 Uhr klingelte mein Telefon. Was ich da hörte erschütterte mich so, dass ich einige Tage an gar nichts anderes mehr denken konnte: ein Freund berichtete mir, dass die Frau, die ich gestern in unserer Kirche getroffen hatte, an ihrem Arbeitsplatz durch eine Gasexplosion getötet worden sei.
Sophies Tod war ein sehr schmerzvoller Tod.
Ich werde diese liebenswürdige junge Frau nie vergessen und nie sollten wir vergessen, was ihr passierte.
Ein Text von Samson Ogiamien ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21
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Ich bin in einer bosnischen Kleinstadt geboren, die jetzt zum serbischen Gebiet Bosniens gehört. Meine Kindheit war eine glückliche. Es gibt keine Besonderheiten, die mir jetzt einfallen. Wir waren einfach glücklich. Sehr glücklich. Und so blieb es bis ich 15 war. Da sind wir kurz vor Kriegsbeginn nach Österreich gekommen - meine Eltern, meine Geschwister und ich. Meine Eltern sagen, dass sie sich nicht mehr sicher fühlten und dass sie einfach große Angst vor der Zukunft und für uns Kinder hatten. Wir sind Muslime und haben in einer Region gelebt, die großteils von Serben bewohnt ist.
Unser erster österreichischer Wohnsitz war ein kleiner Ort in der Steiermark, wo wir Kinder die Schule besuchten. Die Mutter war zu Hause, aber auch der Vater hat ewig lang einen Job gesucht. Wir waren nicht als Flüchtlinge gemeldet, da der Krieg erst ein halbes Jahr später begonnen hat. Endlich bekam der Vater einen Job etwa 50 km entfernt. Zuerst ist er gependelt, aber dann sind wir nach ein paar Monaten alle dorthin gezogen, wo ich einige Jahre später auch meine Matura machte. Danach bin ich wegen dem Studium nach Graz umgezogen. Das war das erste Mal, dass ich für ein ganzes Jahr alleine wohnte. Ein Jahr später sind auch meine Eltern nach Graz gezogen, weil sie nicht wollten, dass ich alleine bin, denn bei uns ist der Zusammenhalt der Familie sehr wichtig. So hat mein Vater noch einmal lange einen Job gesucht, aber am Ende hat es doch geklappt.
Wie viele andere junge Menschen mit Migrationshintergrund, und viele aus dem ehemaligen Jugoslawien, habe ich ein Studium in Sprachwissenschaft abgeschlossen. Ich bin Dolmetscherin und arbeite als solche. Mein Job bereitet mir immer große Freude. Ich habe viel zu tun mit Kroatien und Bosnien und fahre oft dorthin aus geschäftlichen Gründen. Meine Biografie ist nicht ungewöhnlich, eher typisch für die damalige Zeit.
Wegen des Krieges sind viele aus Bosnien in verschiedene Länder geflüchtet. Überall in der Welt kann man Leute aus Bosnien treffen. Wir haben viele Freunde und Familie in Kanada, in skandinavischen Ländern, in den USA, und auch in Österreich. Aus dem Kreis meiner Familie haben die Kinder meiner Generation alle studiert. Das unterschied sich sehr vom bosnischen Gastarbeiter-Milieu, wo es wichtiger war schnell Geld zu verdienen, um ein Haus in Bosnien zu bauen und dorthin zurück zu kehren, als eine Ausbildung zu machen.
Aus meiner Generation wollen wir nicht zurück, weil wir dort eigentlich keine Heimat mehr haben. Ich würde sagen, im Migranten-Milieu ist es vielleicht nicht so häufig, dass die Kinder studieren, aber die meisten Kinder von Freunden meiner Eltern haben studiert. Obwohl unsere Eltern sich sehr bemühten, uns Kinder auf den richtigen Weg zu bringen, konnten sie uns nicht viel finanzielle Hilfe geben. Während des ganzen Studiums habe ich gearbeitet, wie auch mein Bruder und meine Schwester. So konnten wir studieren und uns alles leisten.
Mein Bruder hat sein Studium beendet und arbeitet jetzt bei einer der besten Firmen, die es in Österreich in seinem Fach gibt. Meine Eltern sind sehr stolz auf ihn. Meine jüngere Schwester wird auch ihr Studium bald beenden.
Es war so, dass sich an der Uni eine Gruppierung von Studenten aus Ex-Jugoslawien gebildet hat, und dann gab es innerhalb dieser Gruppe weitere Gruppierungen: Kroaten, Serben, und Muslime. Ich kenne viele Leute von der Uni und hatte immer Freunde, nicht wegen ihrer Herkunft, sondern weil sie mir als Menschen gut gefallen.
Für mich persönlich, aber auch für meine Generation, die als Kinder oder Jugendliche nach Österreich gekommen sind, ist Integration kein Thema. Ich bin voll integriert, ich bin auch besser in Deutsch als in Serbokroatisch. Aber für meine Eltern, und deren Generation war es nicht leicht. Es gab zuerst einmal Sprachprobleme. Die Kenntnisse der deutschen Sprache haben gefehlt, und so kann man sich keinen besseren Job besorgen - man muss akzeptieren was man bekommen kann. Für meine Mutter war es ziemlich schwer. Trotzdem, mit den Jahren hat sie immer größeres Selbstvertrauen in der Sprache bekommen. So spricht sie jetzt flüssig deutsch, nicht perfekt, mit vielen Fehlern, aber sie traut sich zu sprechen und das ist schon viel und freut mich sehr. Für eine Frau ohne Sprachkenntnisse, gab es noch weniger Jobauswahl als für die Männer. Obwohl meine Mutter eine Berufsausbildung hatte, konnte sie hier nur als Reinigungskraft arbeiten. In diesem Bereich arbeiten viele Frauen dieser Generation, die mit Mitte dreißig oder vierzig nach Österreich kamen und meistens sind es Frauen aus Ex-Jugoslawien.
Zurück nach Bosnien? Wir können nicht in unsere Kleinstad nach Bosnien zurück, denn diese Stadt zählt zum serbischen Teil Bosniens und für Muslime ist es dort schwer zu überleben. Meistens gibt es keine Jobs für sie. Meine Mutter war 35, und mein Vater 39 als wir nach Österreich kamen. Jetzt, in ihren 50ern, können sie nicht noch einmal von Null anfangen, und für uns, die Kinder, kommt das Zurückziehen überhaupt nicht in Frage. Nach dem Krieg war ich mit meinen Eltern und Brüdern in unserer bosnischen Heimatstadt auf Besuch und wir haben uns als Muslime dort nicht wohl gefühlt. In Sarajevo fühlt man sich als Muslim sicher, denn da leben viele Muslime, aber Sarajevo ist nicht unsere Heimatstadt.
Identität? Keine Ahnung. Ich bin irgendwie Europäerin. Obwohl, je älter ich bin, desto mehr fühle ich auch einen Unterschied zwischen mir und den Österreichern. Ich war immer sehr stark mit meiner Familie verbunden. Das ist der Punkt, wo ich den meisten Unterschied sehe. Jetzt sehe ich, dass es nicht nur in meiner Familie so ist, sondern dass die ganze Nation, die Leute aus Bosnien, sehr starke Familienbindungen haben. Die Österreicher sind nicht so stark mit der Familie verbunden. Wir telefonieren alle mit unseren Eltern viel mehr als nur einmal in der Woche, vielleicht einmal pro Tag oder auch öfter, und meistens leben die Familien auch alle zusammen. Das ist der Punkt wo ich Bosnierin bin. Aber ich könnte mir nie vorstellen, in Bosnien zu leben.
Wenn man mich fragt, was ich bin, wie ich mich fühle, dann antworte ich, dass ich aus Österreich bin aber aus Bosnien stamme. Ich bin irgendwie beides. Die österreichische Staatsbürgerschaft habe ich. Ich habe bosnische und österreichische Freunde. Eigentlich ist das Leben in Österreich viel bewusster als das Leben in Bosnien. Ich habe mich in Österreich nie als Ausländerin gefühlt.
Ich bin der Meinung, dass in Bosnien, Kroatien, Kosovo, ein Muslim, Kroate oder Serbe zu sein, viel dramatischer ist, als eine Ausländerin in Österreich zu sein. Dort haben die Leute viel mehr Probleme untereinander als die Probleme, die es hier zwischen Inländern und Ausländern gibt.
Nein, ich würde nicht sagen, dass ich Bosnierin bin, nicht ausschließlich.
Berichtet von einer anonymen Bosnierin ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21
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In den 50er Jahren haben wir als Kosovo-Albaner in Maribor gelebt und hatten so ein Filigran Geschäft (eigene Schmucktechnik), wie das bei den Albanern so üblich ist. Die findet man von Portoroz bis runter die ganze adriatische Küste entlang. In den 50er Jahren hat es Auswanderungstendenzen gegeben und mein Vater wollte nach Australien, Neuseeland oder Kanada.
Das Regime damals war doch um einiges rigoroser, als es dann später war. Vielleicht auch aus wirtschaftlichen Gründen, oder aus Lust die Welt kennen zu lernen, ist mein Vater 1956 dann einfach allein abgehauen über die Karawanken nach Österreich.
Der Nachzug der Familie hat sich dann aber sehr verzögert. Meine Mutter ist ein halbes Jahr später gefolgt, mit zwei meiner Geschwister. Ich bekam damals keine Ausreisegenehmigung als fünfeinhalbjähriger und musste noch drei Jahre warten. In der Zwischenzeit habe ich bei meinen Großeltern im Kosovo gelebt. Mein Vater hat hier gleich einen Job bekommen als Goldschmied. Als ich herkam war eine Weiterreise kein Thema mehr. Meine Geschwister waren in der Schule und auch ich wurde gleich eingeschult.
Mein Vater ist Jahrgang 1926 und lebt noch immer in Graz, meine Mutter ist leider schon verstorben.
An meine Ankunft in Graz kann ich mich noch sehr gut erinnern. Ich konnte damals kein Wort deutsch. Es war für mich eine totale Veränderung, denn der Kosovo war damals der volle Orient und hier war das schon sehr mitteleuropäisch. Als Kind dachte ich damals ich könnte da nur willkommen sein und hab daran keinen Gedanken verschwendet, ob das so ist oder nicht. Als Kind denkt man anders. Auch meine Eltern konnten zu Beginn kein Wort deutsch. Deswegen verstehe ich die momentane Diskussion über die Integration von Ausländerkindern nicht wirklich. Ich bin in die Schule gekommen und fünf, sechs Monate später habe ich steirisch geredet.
Massiv oder öffentlich haben wir Ausländerfeindlichkeit nicht zu spüren bekommen. Mein Vater ist ein offener Mensch und hat sich dann wohl auch die Gesellschaft ausgesucht wo er sich wohl gefühlt hat, wo er akzeptiert wurde. Ich habe das als Kind wohl auch nicht so mitbekommen. Das war noch vor der Gastarbeiterwelle, die erst in den sechziger, siebziger Jahren eingesetzt hat. Noch dazu waren wir als Albaner Exoten. Heute ist das anders.
Wenn heute jemand sagt dass er Albaner ist, dann meinen die Leute alles festhalten zu müssen, denn man weiß genau, dass da ziemlich viel Diebe unterwegs sind. Während der Kriege in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die Kosovo-Albaner von der serbischen Armee rekrutiert und teilweise an die Front geschickt, wie das mit den Albanern immer schon üblich war. Da sind damals zwischen 300.000 und 500.000 junge Kosovo-Albaner nach Deutschland, Schweiz, Skandinavien verschwunden, haben keine legale Arbeit bekommen und teilweise keine Aufenthaltsgenehmigung und sind allesamt in den Untergrund verschwunden. Mit dem Fazit das zwischen Budapest, Berlin und so die Albaner Bordelle und den Drogenhandel in ihrer Hand haben.
Ich fühle mich nicht absolut als Österreicher, auch nicht als Albaner, eher indifferent. Ich fahre auch total selten in den Kosovo. Das letzte Mal war ich vor den Kriegen dort, 1989. Aber es gibt telefonischen Kontakt und mir wird auch immer wieder berichtet. Mein Lebensinteresse ist in Graz und man kann dort auch nicht wirklich Urlaub machen.
Sehnsüchte nach meiner Heimat, das sind eher Wahrnehmungen in meiner Kindheit und ist mit Gerüchen verbunden. Es ist damals anders abgelaufen als heute. Vom Berg runter sind Bauern gekommen und dann ist Käse bestellt worden, ein großer Laib Schafkäse, ein Hartkäse, der, glaube ich, im Herbst geliefert worden ist, in den Hof rein. Meine Großmutter hat ihn zerbrochen und in den Bottich gegeben. Und mit Dill und Salz ist der Käse dann haltbar gemacht worden und dieser Geschmack mit dem Dill in Verbindung, das ist ein Geruch den nehme ich manchmal irgendwo wahr und dann kommt mir diese Szene in den Sinn. Ich bin immer auf der Suche nach so einem Käse.
Es gibt sehr viele mündlich überlieferte Geschichten. Ich bin sehr österreichisch geprägt, von der Erziehung und vom Umfeld her. Und da gibt es so viel Unvernünftiges so wie Mut und Ehre und all diese Dinge die es zu verteidigen gilt für einen Albaner, das kann ich gar nicht mehr nachvollziehen. Da passieren heute noch unglaubliche Sachen in Bezug auf Beziehungen – Mann/Frau. Mein Vater war immer sehr fortschrittlich, das heißt meine Mutter konnte selbstverständlich auf die Straße gehen. Sie war auch nicht ausschließlich allein für den Haushalt zuständig, das war bei uns nicht so.
Zu Hause habe ich mit meiner Mutter albanisch gesprochen, das heißt sie hat mich albanisch angeredet aber ich habe halt deutsch geantwortet. Sie hat deutsch in Wort und Schrift nicht wirklich gelernt, aber war umgangssprachlich sehr gut im Deutschen. Mit meinem Vater spreche ich vorwiegend deutsch, ab und zu eine Bemerkung auf albanisch. Meine Kinder sprechen leider kein albanisch. Schon in jungen Jahren bin ich Vater geworden und da war mir das nicht so wichtig. Und ich habe mich auch nicht in der Lage gefühlt, ihnen die Sprache zu vermitteln. Ich habe nur die erste Volksschulklasse in albanisch besucht, und mich dann nicht mehr weitergebildet. Über ganz einfache Dinge kann ich reden, aber dann rede ich lieber in deutsch weiter. Ich bin natürlich schon mehr Österreicher als Albaner.
Die Kinder meiner Geschwister sprechen auch nicht albanisch. Die haben auch alle keinen besonderen Bezug zu Albanern. Aber das rührt wohl auch daher, dass wir nicht mit der Gastarbeiterwelle gekommen sind.
Die einzig albanisch sprechende Anlaufstelle war für meinen Vater 1956 ein albanisch sprechender Pater, der war bei den Franziskanern, der Pater Paolin, der ihm auch einen Job vermittelt hat. Dann gab es noch den Übersetzer Micolini, und in Sankt Radegund bei Graz gab es einen Architekt Kherciku aus Tirana. Das waren seine ganzen albanischen Kontakte.
Die katholischen Albaner sind hier auch nicht gut vernetzt. Meine Eltern waren dreiundvierzig Jahre verheiratet. Und als meine Mutter gestorben ist hat mein Vater diesen Zustand überhaupt nicht ausgehalten. Er hat dann ein halbes Jahr später eine Ungarin kennen gelernt. Und über sie dann viele Ungarn kennen gelernt und da hat er gemerkt, dass diese hier sehr gut organisiert sind. Mit Vereinigungen und Gottesdiensten, was bei den Albanern überhaupt nicht der Fall ist. Der Großteil der Albaner sind Moslems aber ich weiß nicht wie die organisiert sind.
Das Geschäft hier haben wir seit 1976 und ich habe bis auf ein paar Jahre immer mit meinem Vater hier gearbeitet. Ich bin gelernter Goldschmied und habe in der Ortweinschule beim Werner Schmeisser gelernt. Bei meinem Schmuckgeschäft sehen die Leute meinen Namen und kommen herein, so zwei drei albanische Jungs. Und erzählen mir von meiner Geburtsstadt Prizren, Pristina oder sonst wo.
Manchmal passiert es schon wenn ich wegen meinem Namen gefragt werde, woher ich komme, oder in der wievielten Generation ich hier bin, da höre ich sehr oft: „Du schaust eh ganz normal aus“. Ich weiß allerdings auch nicht wie man ausschauen sollte wenn man 1000 km südlicher herkommt.
Basiert auf einem Interview mit Martin Gjecaj -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21
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Vor nun sieben Jahren begann ich mit traumatisierten Jugendlichen aus Afrika künstlerisch zu arbeiten. Aus diesem therapeutischen Projekt entwickelte sich der Kunstverein BAODO: eine Gruppe meiner „Schützlinge“ fasste Mut durch kreative Arbeit in verschiedenen Disziplinen (Musik, Performance, bildende Kunst) einen Weg zu finden, ihre eigene Kultur zu zeigen und in den Veranstaltungen des Vereins Österreichern zu begegnen und Verständnis für ihre neue Heimat zu gewinnen.
Eines Tages, im Winter 2001, stieß ein junger Mann, frierend und ohne, der Kälte entsprechender Bekleidung, zur Gruppe. Damals Einer von vielen. Die Flucht hinter sich und hier gelandet, hatte er ein für ihn „sinkendes Schiff“ verlassen und war nun in einem Land, von dem er nicht wusste, wo es sich auf der Landkarte befindet und von dem er vorher niemals etwas gehört hatte. Ausgezehrt und müde fand er schließlich in einem Caritasheim seine Aufnahme.
In den Monaten darauf suchte er immer wieder Kontakt zu der, zu der damaligen Zeit sehr kompakten Gruppe BAODO, deren Mitglieder Neuzugängen gegenüber sehr skeptisch und ablehnend waren. Er half mir ungefragt bei den verschiedensten Tätigkeiten, ohne selbst noch in den künstlerischen Prozess eingebunden zu sein. Schließlich wurde er zum wichtigsten Assistenten für die BAODO-Gruppe. Seiner sozialen Begabung ist es zu verdanken, dass über konfessionelle, ethnische und politische Gräben eine Brücke gebaut werden konnte. Das Ergebnis zeigt sich heute bei den Besuchern im NIL, wo sich durchaus Freundschaften zwischen Afrikanern aus verfeindeten/kriegsführenden Ländern/Stämmen und sich bekämpfenden Religionen entwickelt haben und für viele die ersten scheuen, aber auch positiven Dialoge mit ÖsterreicherInnen stattfinden.
Joseph Dim kommt aus dem Ibo-Land in Nigeria, dem ehemaligen Biafra und wurde 1980 in Anambra geboren. Dort besuchte er das GTC (Gouvernment Technical College). Gleichzeitig half er seinem Vater, einem angesehenen Pastor der anglikanischen Kirche, bei den vielseitigen Tätigkeiten für die Kirchengemeinde. Juristische Beratungen und Hilfestellungen gehörten dazu, wie auch Ehevorbereitungskurse und Videos von Festlichkeiten. Nach der politisch-religiös motivierten Ermordung seines Vaters musste Joseph sein Heimatland verlassen.
Innerhalb von sechs Jahren hat Joseph hier in Österreich vieles erreicht; Deutsch gelernt, Schulbildung abgeschlossen und die Konzessionsprüfung für Tourismus und Gastronomie erfolgreich bestanden und daneben als Prospektverteiler, später als Bürogehilfe gearbeitet. Er hat Computer-, Internet-, Webdesign-, Radio-Technik, Video- und Digitalfotografie-Kurse besucht. War Referent an der pädagogischen Akademie und an der Universität zum Thema interkulturelles Lernen, ferner Engagement zum Thema "Ressourcen von MigrantInnen" und "Empowerment for Migrants". Im Verein BAODO ist er als Kursleiter von interkulturellen Workshops, Musik- und Malworkshops mit Schulklassen tätig.
Seit Juli 2002 gestaltet er jeden Sonntag die Sendung "African Time", die 3-stündige Radiosendung für AfrikanerInnen am Sonntag von 8 bis 11 Uhr. Sein Bestreben konzentriert sich einerseits auf die Vermittlung wichtiger Informationen zu aktuellen, rechtlichen, kulturellen Themen. African Time bietet andererseits für viele Zuhörer die Möglichkeit ein Stück Heimat in Graz wiederzufinden. Es gibt Nachrichten aus den jeweiligen Heimatländern, rechtliche Aufklärung z. B. zu Asylrecht, Arbeitsrecht, Aufenthaltsrecht, Staatsbürgerschafts- rechte und -pflichten, österreichisches Gesundheits- und Schulsystem, Kinderschutz und Kindererziehung, Gleichberechtigung von Frauen, kulturelle Unterschiede und Umgangsformen.
Alles mit dem Ziel des besseren Dialoges und der Annäherung zwischen den Kulturen. Das Anliegen von Joseph Dim ist es, das verzerrte Bild, das von den westlichen Medien über den "schwarzen Kontinent" und seine BewohnerInnen verbreitet wird, worunter die in Österreich lebenden AfrikanerInnen leiden, zu korrigieren und die verschiedenen afrikanischen Länder, deren Kultur und deren verschiedene Religionen vorzustellen.
Joseph Dim setzte sich unter anderem dafür ein, eine bessere Diskussionsbasis zwischen Polizei und den AfrikanerInnen in Graz herzustellen. Über "Afrikan Time" gab es die Möglichkeit direkt mit den obersten Vertretern der Polizeidirektion Graz offene Fragen zu diskutieren. Im "Berg der Erinnerung" (Graz 2003), zeigten seine Videos "Das andere Graz" - ein nicht wahrgenommenes und unbekanntes Graz. Ein wichtiger Beitrag zur Verhinderung der Entstehung einer sogenannten "Parallelgesellschaft".
Seit der Eröffnung 2004 ist Joseph Dim als Geschäftsfüher im NIL, Kunstraum + Café, Jugend-, Kunst- und Kommunikationszentrum, angestellt. Ein idealer Ort, der Begegnung um seine politische Funktion und seine kulturelle/politische Bildungsarbeit in einem Ort und die des interkulturellen Dialoges umzusetzen. Hier trifft er Menschen, denen er unbürokratisch helfen und sie beraten kann; oft begleitet er sie auch zu Ämtern und Behörden. In seiner stillen und zurückgezogenen Art setzt er sich mit erfolgreicher Beharrlichkeit für andere Menschen ein. Er tut es freiwillig und ehrenamtlich, neben seinem Job.
2006 wurde Joseph zum ONOWU ONE für Ibo-MigrantInnen in der Steiermark gewählt. Die Funktion eines Onowu ist ähnlich der eines Häuptlings. Dieser kann als Premierminister (in der traditionellen afrikanischen Form) und Sprecher des Volkes zu den Politikern beschrieben werden. - In einem Buch aus unserer afrikanischen Bibliothek im NIL konnte ich mehr über den Begriff des „Afrikanischen Häuptlings“ erfahren. Ihm kommt alle Ehre und Würde zu, er ist aber in Wirklichkeit der "Diener" seiner Community. Der Vertreter der Interessen von Anderen wird gemessen an seiner Bereitschaft sich einzusetzen und seinem Verständnis für das Leben von Anderen. Für seine Arbeit als ONOWU bekommt er keinen Lohn sondern Respekt. Es geht dabei nicht darum anderen das Wort zu reden, sondern nach einem für die Gemeinschaft richtigen Weg zu suchen. Jede Nachlässigkeit oder Ungerechtigkeit zehrt an seiner Reputation. Der ONOWU hört zu und vertritt dann seine Position mit Nachdruck und Beständigkeit. Dass es zwischen mir und Joseph in der täglichen Arbeit auch zu Reibung kommt, will ich mir hier nicht verkneifen, genauso wenig, dass ich ihm für seine uneigennützige Arbeit für den Verein aufrichtig danke.
Was mich besonders freut ist aber, dass die Basis dazu die Kunst war und blieb. Joseph ist inzwischen auch künstlerisch einer der wichtigsten Aktivisten von BAODO und wurde von einem namhaften Museum zu einer persönlichen Werkschau eingeladen. Er ist Organisator und selbst Musiker bei unserer Musikgruppe RAC und bei den BAODO-Boys. Neben seinen vielen Talenten ist vor allem seine Bereitschaft sich für andere Menschen einzusetzen und den Dialog zu den Österreichern aufzubauen die Basis von Josephs Weg hier in Graz.
Ein Text von Veronika Dreier, Künstlerin, Oberfrau des Kunstvereins BAODO, NIL Jugend-, Kunst- und Kommunikationszentrum --------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21
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Ich mag Maria gern, sie hat einen nüchternen, trockenen Humor. Wenn ich sie nicht persönlich kennen würde, wäre ich überzeugt, dass sie maximal 35 Jahre alt ist, aber tatsächlich wurde sie 1950 geboren. Ich liebe es, wenn sie über ihre Familie erzählt, die in den vergangenen 50 Jahren das Leben der ungarischen Hauptstadt – mal mehr, mal weniger – mitgestaltet hat.
Maria wuchs in einem typischen Zinshaus der Jahrhundertwende in Budapest auf. Ihre Mutter sorgte allein für die drei Kinder, nachdem ihr Mann früh verstorben war. Jeden Tag nach der Arbeit setzte sie sich, gemeinsam mit den Kindern auf den Rundbalkon des Zinshauses, trank einen kurzen Schwarzen und tratschte mit den Nachbarinnen lange Abende hindurch über schöne Begebenheiten des Lebens und über alltägliche Tragödien.
Als Maria Anfang zwanzig war, heiratete sie einen jungen, hübschen Mann, einen politisch interessierten Intellektuellen. Sie zogen gemeinsam in den achten Bezirk, in ein Zinshaus. Im Jahr nach der Hochzeit kam ihr erstes, zwei Jahre später ihr zweites Kind zur Welt. Damals war diese Gegend viel ruhiger und gewaltfreier als heute. Zwar war doch die Straße zu der Zeit schon sehr beliebt bei Prostituierten und Kleinkriminellen, aber jede und jeder betrieb sein Gewerbe auf eine kultivierte und dezente Art und Weise.
Maria fühlte sich in der neuen Wohnung bald zu Hause. Sie verstand sich mit den Nachbarn gut. Damals war es nicht üblich, seinen Bekanntenkreis auf Grund von Abstammung, Beruf oder Vermögen zu gestalten. Wie bereits ihre Mutter saß nun Maria abends mit den Nachbarinnen am Balkon, man trank einen kurzen Schwarzen und besprach die Ereignisse des Tages. Maria wurde bald zu einer gern besuchten Person. Sie war diejenige, die Kaffee zu Hause hatte falls er jemandem ausging, sie setzte alle an ihren Tisch, die keine Zeit hatten, selbst etwas zu kochen, sie schaute auf die Kinder, während die Mütter arbeiteten, goss Blumen und besuchte die Alten. Im Laufe der Zeit wurde Maria immer mehr zu einer Anlaufstelle der gesamten Nachbarschaft. Und wenn sie mal nichts tat, dann las sie. Sie las sie alle, die englischen, russischen, deutschen und ungarischen großen Schriftstellern. Sie politisierte auch viel. In vertrauten Kreisen, natürlich.
Anfang der 90er, kurz nach der Wende, als noch kaum absehbar war, in welche Richtung sich das Land entwickeln würde, entschieden Maria und ihr Mann, Ungarn zu verlassen und emigrierten. Maria machte sich nicht allzu viele Gedanken, denn sie wusste, es würde irgendwie weitergehen – und die Zukunft der Kinder schien im Ausland plötzlich gesicherter als im Land der Wende. Nach einem turbulenten, mehrere Wochen andauernden Aufenthalt in Traiskirchen, kamen Maria und ihre Familie in einen Gasthof in die Steiermark, in ein kleines steirisches Dorf.
Ich frag mich immer, was damals in dieser quirligen, großstädtischen, jungen Frau vorging, die ihr bisheriges Leben in einer Großstadt verbracht hatte und mit jeder Gesellschaftsschicht in Berührung gekommen war. Wie das gewesen sein muss, als sie sich plötzlich in dieser konservativen ländlichen Idylle wieder fand? Nach Jahrzehnten im Zinshaus, nach Jahrzehnten im sozialistischen Budapest, nach etlichen hundert abendlichen Gesprächen, nun auf einmal mitten auf dem Land. Mitten in der Steiermark. Ein Dorf. Kirche, Gasthaus, Tankstelle. Aus.
Die Kinder fanden sich innerhalb kürzester Zeit zurecht. Natürlich. Keine Frage. Sie selbst wandte sich nicht, wie viele andere, den künstlich geschaffenen Klubs zu, um auf Teufel komm raus Landsleute kennen zu lernen. Versuchte auch nicht auf künstliche Weise in die Dorfgemeinschaft aufgenommen zu werden. Sie lebte einfach.
Jetzt sind schon über 15 Jahre vergangen seit sie in der Steiermark wohnt. Ihre Kinder leben in Partnerschaften mit ÖsterreicherInnen, ein ungarisch-steirischer Enkel hat auch schon das Licht der Welt erblickt. Und sie? Sie kann mittlerweile einen großen Bekanntenkreis ihr Eigen nennen. Im Laufe der Jahre nämlich lernte ihre Familie zahlreiche UngarInnen kennen. Natürlich traf man sich immer öfter zum Kaffeetrinken – kurz, schwarz. Und irgendwie kam alles so wie es schon mal war. Die Frauen gaben ihr die Kinder, um sie zu hüten, während sie in der Arbeit waren, Nachbarinnen liehen sich Eier und Milch, wenn sie keine Zeit mehr zum Einkaufen hatten, Männer besprachen so manches Problem mit ihr; es gab sogar einige junge Studentinnen, die zu ihr pilgerten, um Nachhilfe in ungarischer Geschichte zu nehmen. Auf einmal war sie wieder der Mittelpunkt, die Drehscheibe einer Nachbarschaft. Der einzige Unterschied: Ihr „Wirken“ hatte sich um ein paar hundert Kilometer nach Westen verlagert.
Es ist heute sehr heiß, aber Maria ist trotzdem nach Graz gekommen. Ihr Mann hat heute frei und sie wollten einen Spaziergang in Graz machen und schauen, ob beim Schlussverkauf etwas lohnendes zu finden sei. Ich bin froh, sie heute wieder mal sehen zu können.
Ein Text von Boglárka Bálint ------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21
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Schon beim Betreten der Wohnung von Frau Helene Kann, geborene Popov in Graz spürt man die unverwechselbare Atmosphäre dessen, was in Russland unter der Bezeichnung „Intelligenzia“ verstanden wird: die gebildete und kulturorientierte Schicht der russischen Bevölkerung. Helene Kann – eine zarte, hoch gewachsene Frau in den Achtzigern - erzählt aus ihrem Leben: die Eltern stammen aus Irkutsk in Sibirien und reisten nach der sowjetischen Oktoberrevolution Anfang der Zwanzigerjahre in die Türkei aus, um dort für den Gatten (er war Dirigent) vorübergehend berufliche Möglichkeiten zu finden, die es in der jungen, von Revolution und Bürgerkrieg zerrissenen Sowjetunion damals nicht gab.
Aus dem als „vorübergehend“ geplanten türkischen Gastspiel wurde ein halbes Jahrhundert im Land am Bosporus zwischen Europa und Asien. In dieser Zeit wurde Helene geboren, die auch in der Türkei ihren österreichischen Gatten kennen lernte und drei Söhne zur Welt brachte. Helene Kann kam mit ihrem Mann 1965 nach Österreich, die Eltern folgten 1970. Die erste Zeit in Österreich war im Vergleich zum Lebensstandard der Kanns in der Türkei nicht ganz einfach. Helene Kann gab Klavierunterricht und studierte Spanisch in Graz.
Kirchenmusik war für Helene schon in der Türkei ein wichtiges Thema gewesen, ein russischer Chorleiter aus Moskau begeisterte sie besonders für russische Kirchenmusik. In Graz leitete die zwar nicht in Russland geborene, aber zutiefst im russischen Wesen verankerte Helene viele Jahre den russischen Kirchenchor und es war und ist für sie ein wichtiges Anliegen, in ihrer neuen Heimat hier ihren österreichischen Landsleuten wichtige Aspekte des religiös-kulturellen Lebens Russlands näher zu bringen (an den russischen Gottesdiensten nehmen auch gerne Österreicher und Österreicherinnen teil) und ihren russischen Landsleuten eine vertraute spirituelle und religiöse Heimat in einer neuen Heimat zu geben.
Helene Kann-Popov erinnert sich noch gut an ihre erste Zeit in Österreich: das Ehepaar hatte schon in der Türkei sehr enge Beziehungen zu den dort lebenden österreichischen Landsleuten des Ehemanns von Helene Kann-Popov. Man pflegte intensive gesellschaftliche Kontakte und Freundschaften, so dass Frau Helene mit der österreichischen Mentalität (sofern man eine solche definieren kann) durchaus vertraut war. Einen Schock bedeutete für die Russin mit sibirischen Vorfahren das österreichische kalte Klima im Jänner, als man aus der Türkei kommend in der neuen Heimat ankam. Gesellschaftlich fand man auch hier rasch Kontakte und Anschluss, besonders mit Baltendeutschen, die in Österreich lebten. In dem großen Wohnhaus, in dem das Ehepaar Kann-Popov eine Wohnung bezog, war es schon schwieriger Kontakte und freundschaftliche Beziehungen aufzubauen. Aber das sei eben ein Spezifikum großer Wohnblocks, meint Frau Helene rückblickend.
Die ÖsterreicherInnen seien ein Volk, das einem fast automatisch mit einer gewissen äußeren Höflichkeit begegnet. Es brauche aber eine gewisse Zeit, bis man in der Lage sei, die typisch österreichischen Höflichkeitsbezeugungen auch richtig zu werten und zu interpretieren.
An Anzeichen von Fremdenfeindlichkeit kann sich Frau Helene nicht erinnern, die Situation sei damals entspannter gewesen, als vielleicht heute. „Aber“, meint sie abschließend, „die Menschen sind im Prinzip überall gleich: es gibt überall gute und weniger gute, hilfsbereite und gleichgültige und dies alles bedeutet Menschsein und Menschheit.“
Ein Text von Peter Presinger, Österreichisch-Russische Gesellschaft --------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21
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Tatjana Kanshina lernte ihren österreichischen Mann – einen Techniker einer in Russland tätigen österreichischen Firma – in Moskau kennen und kam Anfang der neunziger Jahre nach Österreich. Tatjana ist Musik- und Theaterpädagogin (Absolventin einer Hochschule in St. Petersburg) und erzählt, dass die ersten Jahre hier für sie sehr schwierig gewesen seien. Das Ehepaar lebte mit dem Töchterchen Helena zuerst in einem kleinen Städtchen einer steirischen Industrieregion. Ihr Mann war berufsbedingt wenig daheim und die junge Frau fühlte sich isoliert und einsam. Von den Nachbarn nicht eben ermuntert Kontakte zu schließen, von der Familie des Mannes, besonders von der Schwiegermutter, sehr kühl und distanziert behandelt, war die junge Russin oft der Verzweiflung nahe. Bei manchen Menschen und in manchen Situationen wurde Tatjanas russische Nationalität als Makel und Nachteil ausgelegt. „Oft machten Menschen negative Bemerkungen über Russland, um mich zu kränken“ erzählt Tatjana. „Diese vorwiegend negative und nicht objektive Einstellung gegenüber meinem Geburtsland ist überhaupt in Österreich sehr verbreitet und ich verstehe das nicht“ meint sie.
Das Ehepaar lebt nun seit einigen Jahren in Graz, beide sind berufstätig und Tatjana sagt, sie sei hier glücklich. Sie hat viele Bekannte (auch russische) gefunden und freut sich, dass es in der Landeshauptstadt auch viele Menschen gibt, die die positiven Seiten Russlands und seiner Menschen sehr zu schätzen wissen.
Die Beziehung der österreichischen Menschen zu kulturellen Dingen sei vielfach kühler und von erstaunlich geringerem Interesse charakterisiert als bei der russischen Bevölkerung, meint Tatjana. Was sie auch verwundert, ist der vielfach distanzierte Umgang mit alten Menschen. Materiell haben sie mehr als die Alten in Russland aber die Familie schickt sie gerne in Heime, um nicht durch die Pflege belastet zu werden.
Obwohl Tatjana die deutsche Sprache gut beherrscht meint sie, dass man in Österreich auch die eigentliche Bedeutung von Worten, Sätzen und höflichen Formulierungen und Nuancen erst vielfach lernen muss, ebenso auch den Dialekt. „Danke“ kann je nach Betonung herzlichen Dank oder schroffe Ablehnung bedeuten. Und der Satz „ich habe nichts gegen Ausländer“ kann vielleicht auch genau das Gegenteil bedeuten. Tatjana ist froh, dass sie durch ihre – übrigens glückliche – Ehe mit ihrem Mann auch rechtlich gleich zu Beginn ihres Lebens in Österreich der einheimischen Bevölkerung gleichgestellt war. Sie meint aber, dass Österreicher gegenüber Migranten oft sehr blauäugig agieren. Von den tschetschenischen Migranten und Migrantinnen sind gewiss einige zu Recht aufgrund ihrer Vorgeschichte(n) in Österreich. Eine große Zahl hingegen wohl nur deshalb, weil es üblich zu sein scheint, die Herkunft aus Tschetschenien allein schon als Asylgrund anzuerkennen. „Ihr kennt die Tschetschenen nicht und importiert Euch damit viele Probleme“ meint Tatjana, die vor allem die Arroganz, Brutalität, Aggressionsbereitschaft und Faulheit sehr vieler tschetschenischer Männer kritisiert. „Ihr habt keine Ahnung, wie die mit Frauen umgehen!“
Was Tatjana an und in Österreich gefällt? Die Menschen sind freundlich und liebenswert – man muss sie nur erst einmal kennen und verstehen lernen. Medizinische Versorgung, sonstige Infrastruktur und die beruflichen Möglichkeiten sind gut, das Land ist abwechslungsreich und hat traumhaft schöne Plätze und Gegenden.
„Und vor allem meine engere Familie – besonders mein Mann – halfen mir sehr, eine Österreicherin zu werden und zu sein. Das ist eine Basis, die für mich das Wichtigste überhaupt bedeutet – die Familie“ meint Tatjana abschließend.
Ein Text von Peter Presinger, Österreichisch-Russische Gesellschaft ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21
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Natascha Khabenskaya wurde in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, in einer jüdisch-russischen Familie geboren. Sie absolvierte das Musikcollege und studierte anschließend an der dortigen Hochschule für Kultur. 1994 schloss sie sich dem damaligen Ensemble „Maccabi“ (später „Lavan Layla“) an, das sich besonders des alten russischen und jüdischen Liedguts annahm. Vor etwa zehn Jahren wurde man in der Österreichisch-Russischen Gesellschaft auf das Ensemble aufmerksam und lud die Gruppe zu Tourneen nach Österreich ein. Es folgten Auftritte in Wien, Baden, Innsbruck, Fürstenfeld und Graz (um nur einige Beispiele herauszugreifen) und der Erfolg sowie die Begeisterung beim Publikum ermunterte die Organisatoren, das Ensemble (bestehend aus Natascha Khabenskaya, Nadija Tschermantova sowie den beiden begleitenden Gitarristen) einige Jahre hindurch immer wieder nach Österreich einzuladen.
Und es kam was kommen musste: ein junger steirischer Gymnasiallehrer lernte Natascha bei einem Konzert kennen und verliebte sich bis über beide Ohren in diese faszinierende Frau.
Seit 2002 lebt Natascha nun mit ihrem österreichischen Mann, dem gemeinsamen Söhnchen und der in die Ehe mitgebrachten Tochter Anja in der Steiermark. Sie spielt in der Kirche von Fürstenfeld und anderen steirischen Gemeinden die Orgel und trägt immer wieder bei verschiedenen Anlässen – etwa Vernissagen des Grazer Künstlerbundes – mit ihrer Gitarre und ihrem von Gefühl, Tiefe und Ruhe geprägten Mezzosopran zur musikalischen Umrahmung bei.
Natascha fühlt sich in ihrer neuen Heimat Fürstenfeld recht wohl. Besonders am Anfang sei eine Kleinstadt zum An- und Eingewöhnen sehr angenehm, man könne hier mit den Einheimischen auf einer mehr vertrauten und familiären Ebene leben, als dies in einer Großstadt möglich wäre. Sie sagt, sie habe sich in Fürstenfeld angenommen und nie wirklich fremd gefühlt und ihre russische Herkunft sei von den Nachbarn eher als Besonderheit im positiven Sinn denn als Fremdheit empfunden worden. Vor allem die Nachbarn hätten sie sehr unterstützt. Dabei erwähnt sie unter anderem auch einen in der Nachbarschaft lebenden ehemaligen Soldaten der deutschen Wehrmacht, der etliche Jahre nach Kriegsende in sowjetischer Gefangenschaft verbracht hatte und seither für Russland und die russischen Menschen tiefe Sympathie und Achtung empfindet. Dass Fürstenfeld ein Ort vieler kultureller Veranstaltungen auf hohem Niveau ist, freut die russische Sängerin ebenso wie der Umstand, dass Grüßen und Gegrüßtwerden zu den festen Gepflogenheiten einer Kleinstadt zählen.
Heimweh, die ewige Krankheit russischer Menschen in der Emigration, empfindet die junge Frau kaum. „Erstens bin ich in meiner Familie total angenommen und glücklich und außerdem gibt mir mein russischer Pass das Gefühl und die Möglichkeit, jederzeit nach Russland reisen zu können, und das sind die besten Medizinen gegen Heimweh“, sagt sie. Bei russischen Menschen, die in der Vergangenheit vielfach aus politischen Gründen ohne Rückkehrmöglichkeit emigrieren mussten, sei das natürlich eine ganz andere Situation gewesen. Und dafür gebe es viele Tausende von Beispielen.
Mit der österreichischen Küche komme sie inzwischen ganz gut zurecht, meint Natascha. Sie habe eine Art austro-russische Küche entwickelt und die schmecke allen. Ihre österreichische Schwiegermutter hat inzwischen gelernt, russische Pelmeni zu machen und verwöhnt damit ihre Gäste. Und russische Gäste lernen bei der russischen Schwiegertochter mitunter österreichische Topfenknödel zu schätzen und auch selbst zuzubereiten.
Mit ihrem viereinhalbjährigen Söhnchen - liebevoll „Schura“ genannt - spricht Natascha nur russisch. Auch in ihren Träumen spricht sie die Sprache ihrer alten Heimat. Sie bedauert natürlich, dass es sehr schwierig ist, ihrem Sohn die russische Welt in Sprache und Kultur wirklich nahe zu bringen und betont, wie wichtig es für Kinder aus gemischtsprachigen Beziehungen ist, beide Kulturkreise zu kennen und zu erhalten. „Aber“, so meint sie abschließend, „das ist eine Aufgabe, an die man sich heranwagen muss.“ Was sie selbst dazu beitragen kann, wird sie tun und hofft, dass dieses Anliegen auch von der Gesellschaft und der Politik mittelfristig als wichtig erkannt und zur Integration Toleranz und ein menschengerechtes Miteinander als förderlich und daher unterstützungswürdig anerkannt wird.
Ein Text von Peter Presinger, Österreichisch-Russische Gesellschaft ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21
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Anna Vidyaykina ist 1989 als Tochter von Natascha Khabenskaya geboren, besuchte in St. Petersburg parallel zur Gymnasialschule die Benois-Kunstschule und kam mit ihrer Mutter auf Grund deren Eheschließung 2002 nach Österreich. In Fürstenfeld besucht sie das Gymnasium, wurde Siegerin in der steirischen Lateinolympiade und hat sehr gute Schulerfolge. Auch erwarb sie einen Preis beim Europäischen Kinderwettbewerb 2002 in St. Petersburg. Der Zweite Preis beim Oststeirischen Malwettbewerb und der Jugendpreis des Landes Steiermark 2004 lassen schon ein wenig den Beginn einer interessanten, künstlerischen Entwicklung bei Anna erahnen. 2005 wurde sie vom Künstlerbund Graz als Mitglied aufgenommen. Eigene sehr erfolgreiche Ausstellung 2004 in Fürstenfeld und Teilnahme an diversen Ausstellungen des Künstlerbundes Graz, in diesem Rahmen 2005 auch in St. Petersburg. Die Werke der jungen Künstlerin sind oft witzig und ironisch, zeigen verschmitzt Alltagssituationen, führen in phantastische Ameisenwelten und machen nachdenklich und manchmal auch betroffen. Sie selbst erzählt, dass sie den Wechsel von Russland nach Österreich sehr positiv empfunden habe und empfinde.
Der steirische Dialekt allerdings sei für sie anfangs schwierig zu verstehen gewesen. In der Schule in Fürstenfeld sei sie sehr offen und freundlich aufgenommen worden. Es sei nicht einfach, sagt Anna, gleich wirklich enge Freundschaften zu schließen. Das braucht Zeit und auch die Interessen müssen zusammenpassen. Inzwischen hat sie Freundinnen und Freunde, mit denen sie sich gut versteht. Die ersten Freundschaften entstanden mit Ausländern, die anfangs in einer ähnlichen Situation wie die junge Russin waren.
An der Schule seien die Beziehungen zu den Lehrkräften sehr menschlich. Man bekomme immer Hilfe, wenn nötig. Lehrer, die man fürchten muss (vereinzelt gibt es das noch in russischen Schulen) hat Anna in Fürstenfeld nicht kennen gelernt. Auch das ökologische Bewusstsein, meint Anna, ist an ihrer Schule und überhaupt in der Bevölkerung viel stärker ausgeprägt als in Russland und das sei doch eine ganze zentrale und wichtige Frage für unsere Zukunft. - „Ich hatte mich in Russland sehr für plastische künstlerische Arbeit, für Skulpturen interessiert. Da diese Möglichkeiten für mich derzeit nicht vorhanden sind, habe ich mich jetzt stärker auf das Zeichnen und Malen konzentriert“ sagt Anna und, dass sie gerne wieder keramisch mit Ton arbeiten würde. Sehr beeindruckt sei sie vor allem von Klimt und Schiele, deren Werke sie in Österreich besser und umfangreicher kennen lernen konnte.
Anna findet: „Die österreichische Küche ist sehr schmackhaft aber in vielen Fällen erst gewöhnungsbedürftig. Aber meine Mutter beherrscht ja ohnehin auch die russische Küche perfekt“. Auf die Frage, was ihr in Österreich besonders gut gefällt, will sie sich nicht festlegen. Da gäbe es sehr vieles, was man aufzählen könnte. „Die Leute in Österreich lächeln öfter als die Menschen in St.Petersburg. Bei Blickkontakt mit einem freundlichen Gesicht bekommt man ein unbefangenes Lächeln zurück und das tut gut. In Russland sind die Menschen vielleicht überhaupt ernster und mit Alltagsproblemen beschäftigt, so dass für ein flüchtiges Anlächeln auf der Straße kein Anlass und kein Raum bleibt“, sagt sie abschließend.
Ein Text von Peter Presinger, Österreichisch-Russische Gesellschaft ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21
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Was für ein Ungar kann das sein, der bei der feierlichen Ausrufung der Ungarischen Republik mitten in Budapest auf dem Kossuth Platz, dem Platz der bereits der Revolution im Jahre 1956 als Kulisse diente, einen Herzinfarkt erleidet? Als ich einen Nekrolog über den, erst kürzlich in Graz verstorbenen, Grafikkünstler und Kosmopoliten György Krizsán las, war es dieser eine kurze Satz, über den feierlich erlittenen Herzinfarkt, der mich nicht losließ.
György Krizsán wurde 1927 in Siebenbürgen geboren. Zu diesem Zeitpunkt gehörte dieser geschichtsträchtige, europäische Landstrich bereits zu Rumänien. Es war die Zeit der großen Träume der UngarInnen, die hofften, dass Siebenbürgen bald wieder in das Mutterland eingegliedert werden würde. Diese aber auch jene Tatsache, dass Krizsán durch die Wirren des Krieges als Jugendlicher nach Zalaegerszeg geriet, hinterließen mit hoher Wahrscheinlichkeit Spuren in seiner Vorstellung vom Leben, vom Nicht-Dazugehören, vom Anderssein, aber in erster Linie vom Ungar-Sein.
Mitte der Fünfziger, nach der Revolution von 1956, emigrierte der Grafikkünstler nach Schweden, wo er mit seiner Familie die nächsten zwanzig Jahre verbringen sollte. In Malmö redigierte Krizsán – wie er es bereits in Ungarn tat – Kinderzeitungen. Ob es die fremde Kinderwelt war, die zu Tode zitierte skandinavische Mentalität, oder schlicht und einfach Heimweh nach Mitteleuropa, die ihn um 1975 nach Österreich trieb, weiß wohl niemand. Aber auch hier war er nicht glücklich über die Lage der ungarischen "community". Trotzdem klinkte er sich in das hiesige ungarische Kulturleben ein und schrieb für die ungarische Zeitung in Graz. Auch die zahlreichen Ausstellungen in Österreich und Ungarn, sowie eine Kinderzeitung, die er in Oberwart herausgab, sollten nicht in Vergessenheit geraten.
Dass György Krizsán eine interessante, intellektuelle Persönlichkeit war, lässt sich in Worte kaum fassen. Er war einer, der von Kindesbeinen an bis zu seinem Tode im Frühling 2007 als Minderheit lebte, als Anderer unter Anderen. Hätte er seinen Lebensabend nicht in Graz, sondern in Ungarn verbracht, wäre es wahrscheinlich nicht anders. Er war ein Zeitgenosse, der Tendenzen sah, diese aber nicht kritiklos mitschleifte. Und doch war er unter vielen, die sich als "große Ungarn" fühlen, derjenige, der in der Geburtsstunde der ungarischen Demokratie einen Herzanfall in Budapest erlitt.
Ein Text von Boglárka Bálint ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21
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Veada Stoff habe ich als Leiterin des Vereins „Liste Interkulturelle Frauen“ kennengelernt. Sie ist am 18.03.1950 in Seattle, Washington, USA geboren. Ihre ersten 6 Monate verbrachte sie im Krankenhaus. Da ihre Mutter bei der Flugzeugfabrik Boeing arbeitete und nicht sehr viel Geld hatte, holten die Großeltern väterlicherseits Veada zu sich nach Los Angeles. Die Großmutter war die Sekretärin von Dorothy Dandridge, der ersten afroamerikanischen Schauspielerin, die für den Oscar 1958 nominiert wurde. Veada wurde in katholischen Privatschulen erzogen. Sie konnte die 2., 4., 6., und 11. Klasse überspringen, weil sie in den Sommerferien auch immer gelernt und Prüfungen gemacht hat. Im Alter von nur 15 Jahren war sie bereits Studentin in Kalifornien. Sie lernte schneller als geplant, weil es ihr Spaß machte und so hatte sie mit 18 Jahren ihren Bachelor und mit 20 ihren Magister. Motiviert hat sie die Großmutter, die immer Angst hatte zu sterben bevor Veada ihren Abschluss machen würde. Außerdem tat Veada sich leicht, da sie ein fotografisches Gedächtnis hatte. Von 1968 bis 1970 arbeitete sie im Universitätskrankenhaus in Los Angeles in der Forschungsabteilung für Polyurethan Gips, anschließend drei Jahre in der Werbebranche. Die Forschung war interessant, aber eintönig. So war sie von 1973 bis 1976 als Kreditmanagerin in einer Kreditanstalt in Alaska tätig. Ihre Aufgabe war es, zu recherchieren ob Kunden kreditwürdig sind. Am 24. Dezember 1974 hat Santa Claus sie verheiratet. Mit ihrem Mann, der beim Militär arbeitete, ging sie nach Japan und arbeitete in Tokio zunächst als Aupair-Mädchen, dann als International Business English Coach und als Managerin bei McDonalds. Als das Ehepaar in die USA zurückkam, wurde sie Office-Managerin in einer Baufirma in Washington. Ihr Mann musste aus beruflichen Gründen für vier Jahre in die Türkei fahren. Dort lernte er eine andere Frau kennen und ließ sich scheiden. Veada entschloss sich nach Europa zu fahren. Sie kam nach Graz und lernte zufällig hier im Bahnhof ihren jetzigen Mann kennen. Seither lebt sie in Österreich. In den ersten 6 Jahren war sie in der Druckerei Wall tätig, bis sie durch einen Arbeitsunfall eine schwere Fingerverletzung erlitt. Ab 1986 arbeitete sie dann als Kindermädchen, Tagesmutter, Haushälterin und in Reinigungsfirmen. Von 1997 bis 2000 unterrichtete sie bei der Urania in Graz Business-English. Mittlerweile schreibt sie Theaterstücke, führt Regie, macht Castings, findet Sponsoren und macht Werbung bei ARENA. Zwischen 1999 und 2006 arbeitete sie bei ISOP als Leiterin des Projektes „Unterstützung von Migrantinnen bei Behördenwegen“, sowie von wichtigen Projekten wie „WomYn Special“ I und II und solchen die sich mit Gesundheit und dem Schulsystem beschäftigen. Zur Zeit ist sie Leiterin der Liste Interkulturelle Frauen und arbeitet beim Kinderprojekt „Happy Summer“ 2006 und 2007 (von WIKI) mit.
Seit 29 Jahren ist Veada nun in Graz. Sie wollte schnell die Sprache lernen und Arbeit finden. Die Kultur von Europa und den USA ist nicht so unterschiedlich. Nur die Kinofilme waren ein bis zwei Jahre hinterher. Die hat sie nämlich zum Deutschlernen benutzt. Veada hat Schwierigkeiten mit der hiesigen Mentalität. Es stört sie sehr, dass die Leute sich nicht 100%ig für etwas einsetzen, sondern viele ihre Jobs für acht Stunden nur absitzen. Zu Beginn ihres Aufenthalts hat sie keine Ausländerfeindlichkeit erlebt. Als Mitte der 80er Jahre Menschen aus Ghana und Ende der 80er/Beginn der 90er Jahre aus Nigeria kamen, da wurde alles anders. Auf einmal sind Leute auch mit Veada anders umgegangen. 1979/80 waren die einzigen südafrikanischen Frauen, die sie kennen gelernt hat, solche die mit Österreichern verheiratet waren. Einmal ist es ihr, der eher hellhäutigen Afroamerikanerin, passiert, dass sie von einer Frau mit den Worten „Aus dem Weg du Neger!“ attackiert wurde. In dieser Zeit hat sie wirkliche Aggressivität und auch verbale Attacken erlebt. Ihre Schwester, eine begüterte Immobilienmaklerin in Los Angeles, hat sie 2002 hier besucht. Doch weil sie beide so oft rassistisch angegriffen wurden, ist sie nur fünf Tage geblieben. Die Schwester wohnte im Erzherzog Johann Hotel. Als die beiden Schwestern ein Kleidergeschäft in der Stempfergasse betraten, wollte die Verkäuferin sie nicht bedienen. Sie hat ihnen zu verstehen gegeben, dass Flüchtlinge hier nichts zu suchen haben.
Träumen tut Veada bereits in deutsch. Die quirlige Frau fühlt sich überall irgendwie heimisch wo sie ist - nicht wirklich in den USA oder in Österreich, sie ist überall daheim. Veada ist steirischer als ihr Mann Rudi – hat Dirndl und Kostüme, geht auf den Bauernbundball, kann steirisch tanzen, alles Aktivitäten die er nicht wirklich teilt. Auch kennt sie sich gut aus in der österreichischen Geschichte.
Veada lebt in zwei Welten. Einmal wurde sie von Shedman gefragt, ob sie demonstrieren kommt für ausländische Taxifahrer. Sie sah ihren Nachbarn und die Taxichefs zusammen sitzen. Also geht sie hin, redet mit denen, um dann zu demonstrieren. Auch beim Glamour ist sie ein wenig daheim. Einer ihrer Schulkollegen ist Philip Thomas, der fesche Tubbs aus der Serie „Miami Vice“. Als dieser in Wien war, telefonierten sie und er kam auch nach Graz. Sie hat ihn im Parkhotel getroffen.
Für MigrantInnen wünscht sie sich generell, dass sie alle sehr gut deutsch lernen, reden, schreiben, verstehen. Das ist eines der wichtigsten Dinge. Und dann, dass sie die Gepflogenheiten lernen. Und auch dass die MigrantInnen mit den ÖsterreicherInnen mehr gemeinsam tun - auch tun können.
Veada meint, es ist sehr wichtig was Fred Ohenhen macht, aber es muss von der MigrantInnenseite mehr getan werden. Es gibt gewisse Leute, die nicht auf die andere Seite der Mur gehen. Die sagen auch: „Was soll ich dort machen?“ Interesse und Neugier sind nicht da.
Veada macht sich wirklich Sorgen wegen einer gewissen Ghettoisierung. Sie meint: „Wir haben ein Gesundheitszentrum für den Islam, eines für die AfrikanerInnen, für die KroatInnen und andere. Wann wird es je in den Mainstream kommen? Wenn nicht schnell etwas geschieht, haben wir bald ein ‚Little Africa’ hier. Am meisten leidet darunter die zweite Generation - die Kinder.“ Das sind genau die Probleme, die sie in der Politik umsetzen möchte. Veada ist ÖVP-Kandidatin der Gemeinderatswahl am 20.01.2008. Ein Text von Albena Angelova ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21
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Ich komme aus Belem, einer Stadt mit 1,8 Millionen Einwohnern, die im Norden von Brasilien liegt. Seit September 1999 bin ich in Österreich.
Mein Mann ist Niederösterreicher und wir haben uns in Wien kennen gelernt. Meine Schwester wohnt auch in Wien. Sie ist vor fünfzehn Jahren aus Brasilien gekommen. Ich habe damals einen Urlaub mit meiner Mutter in Wien gemacht. Der Mann meiner Schwester hat einen Portugiesischkurs besucht, wie auch mein späterer Mann.
Wir sind zwei Jahre in Sao Paolo geblieben. 1997 haben wir geheiratet. Mein Mann hat einen guten Job bei Magna Steyr bekommen und so sind wir in Graz gelandet. Für mich war das ziemlich schwierig. Ich habe in Brasilien Jus studiert und bei einem Rechtsanwalt gearbeitet, aber die Zeugnisse sind nicht nostrifiziert worden.
Anfangs war es für mich undenkbar, hier zu leben. Aber mein Mann hat mir die zwei Jahre, die wir in Brasilien lebten, viel von Österreich erzählt. Natürlich habe ich mir auch Fragen wie Arbeit überlegt. Und auch, wie ich damit zurecht kommen werde, dass der Großteil meiner Familie in Brasilien ist.
Im Februar 2001 habe ich bei Magna Steyr angefangen. Ich wollte schon vorher arbeiten, aber ich musste erst einmal die Sprache lernen. So habe ich drei Semester den Vollstudienlehrgang gemacht und Deutsch gelernt. Jetzt arbeite ich im Ingenieursbereich für die Gesetze, die den technischen Standard betreffen. Ich kann Portugiesisch, Deutsch, Englisch, und ein bisschen Spanisch und Französisch. Deutsch und Englisch sind von großem Vorteil, weil ich hier mit Gesetzen aus dem asiatischen Raum arbeite.
Es war gar nicht schwierig, mich hier einzuleben. Nur meine Familie geht mir ab. Die Probleme hängen von der Sprache ab. Wenn man die Sprache lernt, dann ist es viel einfacher. Leute, die die Sprache nicht beherrschen, haben einfach mehr Probleme. Und Rassismus gibt es überall.
Mit meinem viereinhalbjährigen Sohn spreche ich sehr viel portugiesisch. Lorenz geht schon in den Kindergarten. Träumen tu ich mittlerweile auf Deutsch - zumindest ab und zu. Aber ich fühle mich total als Brasilianerin, tanze gerne, rede viel.
Es gibt Kleinigkeiten, die mir abgehen. Manchmal will ich einfach nur in meiner Muttersprache reden. Hier lebe ich von Frühling bis Herbst – im Winter tut man hier nichts. Ich mag auch Schnee, es stört mich nur, dass es schon so früh finster wird.
Ich koche viel brasilianisch, esse aber auch gerne österreichisch. Im Norden Brasiliens ist die Küche weniger von den Afrikanern beeinflusst, mehr von den Indios. Ich wohnte mitten im Amazonas und deswegen gibt es dort auch weniger Bohnengerichte.
Zurückgehen würde ich nicht gerne, denn jetzt bin ich schon 8 Jahre hier und mag nicht wieder von vorne anfangen.
In Belem gibt es ein kleineres kulturelles Angebot als hier in Graz. Wir haben nur Superkinos. Viele Filme werden gezeigt, und alle lieben die Telenovelas. Die Qualität unseres Fernsehens ist super – alles was da ist.
Ich kenne viele BrasilianerInnen. Viele Kontakte bestehen aber nicht, bis auf zwei, drei. Auch, weil ich nicht so viel Zeit habe. Einmal im Monat gibt es im ‚Riconandino’, einem südamerikanischen Lokal in Graz, einen Samba-Abend mit Martha Carvalho, der Samba- Lehrerin und da gehe ich gerne tanzen. Sonst treffe ich mich mit ein paar Leuten einmal im Monat. Oder wenn ich ins Lateinamerika-Institut gehe, gibt es eine Vorlesung oder es wird ein Film gezeigt und dann treffen wir uns so, und im Anschluss gehen wir noch was trinken oder so.
Einmal im Monat fahren wir zu den Großeltern nach Niederösterreich, nach Herzogenburg und dann besuchen wir auch meine Schwester. Wir telefonieren täglich. Wir sind sechs Kinder: zwei Brüder, vier Schwestern. Die anderen sind alle in Brasilien. Mittlerweile waren auch mein Bruder und eine andere Schwester hier und meine Mutter hat uns bereits zweimal besucht. In der nächsten Woche fliege ich für drei Wochen nach Brasilien, auf das freue ich mich schon sehr.
Ich würde mir wünschen, dass die Leute flexibler sind. Ich glaube, dass die Probleme mit Integration und Migration mit Ignoranz zu tun haben und auch Flexibilität von beiden Seiten notwendig ist. Das sage ich nicht nur, weil ich Brasilianerin bin. Ich muss mich an die Gesellschaft anpassen, wenn ich woanders lebe. Weniger Stolz und mehr Flexibilität, dann wäre einiges einfacher.
Nach einem Interview mit Christinne Countinho-Kaiser transkribiert -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Text No. 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 . 7 . 8 . 9 . 10 . 11 . 12 . 13 . 14 . 15 . 16 . 17 . 18 . 19 . 20 . 21
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Ich heiße Valentina, bin Migrantin aus Serbien, gehöre also zu einer Minderheit
in Graz, der der Ausländer. Aber selbst in meiner Heimat gehöre ich einer Minderheit
an, denn ich komme aus dem Banat, in der Provinz Vojvodina, im Nordosten Serbiens.
In diesem Flecken Land leben Serben, Rumänen, Slowaken, Ungarn, Russen und Deutsche.
Ich selbst habe rumänische Nationalität, dadurch bin ich in zwei Kulturkreisen
aufgewachsen, dem rumänischen und dem serbischen. Ich bin also gewohnt, mit Menschen
verschiedener Nationalitäten zu leben.
Seit 18 Jahren bin ich in Graz zuhause. In dieser Zeit habe ich sehr viel erlebt,
viele Höhen und Tiefen. Hier habe ich drei Kinder geboren, habe verschiedene Berufe
ausgeübt, zahle meine Steuern, habe alle meine Versicherungen abgeschlossen. Für mich
ist Graz wirklich mein Zuhause. Wenn ich nach Serbien fahre, dann nur um meine Eltern
zu besuchen. Ich betrachte diese Fahrten stets als kurzen Urlaub. Übrigens, meine
Kinder sind Österreicher, aber sie sprechen außer deutsch auch serbisch und rumänisch.
In dieser Zeit hatte ich in Graz fast nur Kontakt mit ÖsterreicherInnen und natürlich
mit meinen Landsleuten. Durch Zufall lernte ich Carlos Escobar Pukara in einem
bekannten Grazer südamerikanischen Lokal kennen. Das war vor elf Monaten. Ich war
von Freunden eingeladen. Carlos arbeitete dort - er ist Musiker.
Wir sind ins Gespräch gekommen und wir beide haben gemerkt, dass wir viele
Gemeinsamkeiten haben - unter anderem kaputte Ehen, Kinder (er hat zwei österreichische
Kinder) und natürlich, beide sind wir Ausländer. Übrigens, auch Carlos hatte fast
ausschließlich nur Kontakt zu ÖsterreicherInnen und seinen Landsleuten.In der kurzen
Zeit, die ich ihn kenne, habe ich dennoch in seine wahre Seele blicken können und
allmählich den Menschen Carlos kennen gelernt.
Carlos hat indianische Wurzeln aus Peru; er ist in den Anden geboren und aufgewachsen
am Titikaka See. Vor 17 Jahren ist er als Straßenmusiker nach Graz gekommen und ist
hier geblieben. Er sagt immer, Graz ist seine zweite Heimat, denn Heimat ist dort wo
der Mensch sein Leben aufbaut, dort wo er für Nachwuchs gesorgt hat und vor allem
dort wo er seine Freunde hat; sprich, dort wo er als Mensch seine soziale Umgebung
geschaffen hat, egal wie er ausschaut.
Mittlerweile spielt Carlos nicht mehr auf der Straße, er hat eine eigene Band, die
sich Pachakuti nennt, er zeigt Diashows, er arbeitet an Schulen und veranstaltet
Reisen in Peru. Alle diese Tätigkeiten haben einen gemeinsamen Grundstein, die
indianische Kultur, und das Ziel, seinen Zuschauern und Zuschauerinnen eine
ihnen fremde Kultur zugänglich zu machen. Weil er stark ausländisch aussieht
(er ist Indianer) kann er diesbezüglich viele Anekdoten erzählen, zum Beispiel,
von Leuten die in ihm nur einen „wilden Indianer“ sehen, so als wären sie in einem
Wildwestfilm. Sie lästern über ihn mit wildem Geschrei und reden mit ihm in einer Art
Steinzeitsprache. In Wirklichkeit ist er nicht nur Künstler, sondern er hat in Russland
Elektrotechnik und in Graz Übersetzer studiert; aber er spricht ungern darüber.
Wenn man ein halbes Leben in einer fremden Heimat lebt, muss man sich damit beschäftigen.
Auch ich werde ständig damit konfrontiert, obwohl mein Aussehen europäisch ist. Aber kaum
mache ich den Mund auf, merkt jeder in Österreich, dass ich Ausländerin bin und obwohl wir
beide wirklich in der österreichischen Kultur und Gesellschaft integriert sind, müssen wir,
wenn wir mit anderen Menschen kommunizieren, immer zuerst schauen, dass wir uns als „normale
Menschen“ behaupten.
Als Carlos und ich uns vor elf Monaten kennen lernten, war es vor diesem Hintergrund so,
als hätten sich zwei Landsleute in einer fremden Heimat gefunden. Irgendwie hat gerade
Österreich und seine für uns fremde Kultur uns als Menschen sehr viel näher gebracht. Carlos
und ich sind seit zehn Monaten zusammen - eine Rumänin aus Serbien und ein Indianer aus Peru,
die gemeinsam acht Sprachen fließend sprechen und die beide Österreich als Heimat betrachten.
Ein Text von Valentina Nistor
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